Montagsinterview mit Thomas Bös: Der Leiter der Abendschule ist Atomkraftgegner

Der Protest geht weiter

Atomkraftwerk: Anfang der 80-er Jahre sollte in Mecklar ein Atomkraftwerk gebaut werden. Dagegen liefen die Menschen Sturm. Die hessische Landesregierung disponierte aus baurechtlichen Gründen um, da das Gelände ungeeignet war. Foto: Archiv

Bad Hersfeld. Thomas Bös hätte lieber nicht Recht gehabt. Doch 25 Jahre nach Tschernobyl ängstigt wieder ein schwerer Atomunfall die Welt - genau wie es der 55-jährige Hersfelder erwartet hat. Bös engagiert sich seit den 70er Jahren gegen Kernkraft und war ab 1983 Mitglied der Anti-Atom-Bewegung im Kreis Hersfeld-Rotenburg.

Über diese Zeit und den aktuellen Aufschwung für die Atomkraftgegner haben wir mit dem Leiter der Abendschule Osthessen im Interview gesprochen.

Herr Bös, seit Fukushima gehören die Anti-Atom-Buttons mit roter Sonne wieder zum guten Ton. Freut es Sie, dass der Button wieder aktuell ist?

Thomas Bös: Natürlich. Ich freue mich über jedes „Atomkraft? Nein danke“ - Logo, das ich sehe. Es ist ein schöner Anblick, auch wenn manche Aufkleber etwas vergilbt sind. Als die Katastrophe in Japan akut wurde, sind wir gleich ins Grüne Lädchen in Bad Hersfeld gegangen und haben Nachschub gekauft.

Die Schreckensmeldungen haben anscheinend die Mehrheit der Bevölkerung zu Atom-Gegnern gemacht. Brauchte es erst eine Katastrophe, um das Thema wieder in den Fokus zu rücken?

Bös: Es ist schade, dass erst wieder etwas passieren musste. Aber die Bilder und Nachrichten aus Fukushima brennen sich eben ein. Die Gefahr, die wir Menschen gern verdrängen, wird uns schlagartig wieder bewusst. Nach diesen Ereignissen kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Bei Ihnen weht die Anti-Atom-Flagge schon seit den 70ern. Wie sind Sie zum Kernkraftgegner geworden?

Bös: Ich habe Physik studiert und dabei schwerpunktmäßig in der Kernphysik gearbeitet. Es war für mich klar, dass das keine Technik sein darf, mit der man großtechnisch Strom erzeugt. Deshalb war ich schon 1974 in Darmstadt in der Anti-Atom-Bewegung aktiv. Als ich 1983 nach Hersfeld gekommen bin, habe ich mich dem BUND angeschlossen, und es ging nahtlos weiter.

In der Region gab es zu der Zeit eine sehr aktive Umweltbewegung. Wie haben Sie die Stimmung damals erlebt?

Bös: Ich kann sie nur als Aufbruchsstimmung beschreiben. Es gab eine Gruppe von Menschen, denen das Gleiche wichtig war wie mir, und das war großartig. Wir sind davon ausgegangen, dass man etwas bewirken kann, wenn man seine Chance nutzt. Und das haben wir getan.

Welche Erlebnisse sind Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Bös: Einmal die großen Demonstrationen, für die wir teilweise tagelang Plakate gemalt haben. Die Werbefläche der Städtereklame, die wir damals gestaltet haben, ist mir noch gut in Erinnerung. Und natürlich war Tschernobyl für uns alle ein großer Einschnitt, der uns gezeigt hat, dass es so nicht weitergehen kann. Es ging aber nicht ausschließlich um Atomkraft, sondern auch um Klimaschutz, Energie- und Müllsparen und den Kampf gegen Gentechnik. Unser Ziel war die lebenswerte Zukunft.

Diese Ziele sind heute allesamt salonfähig. Wie wurden sie vor 30 Jahren aufgenommen?

Bös: Natürlich gab es die Sprüche: „Geht nach drüben“ und „Ihr werdet von Moskau bezahlt“. In Hersfeld hatten die Umweltaktivisten in vielen Kneipen Lokalverbot. Das war einer der Gründe, warum das Buchcafé gegründet wurde. Wir haben zunächst einmal eine Minderheitenposition vertreten. Aber mit den meisten Menschen hat man beim Diskutieren dann doch Gemeinsamkeiten gefunden. Eine lebenswerte Zukunft wünscht sich doch jeder.

Was halten Sie von der Neuauflage der Atomproteste? Sind sie mehr als ein Reflex nach der Katastrophe?

Bös: Ich bin geborener Optimist, deshalb glaube ich es. Die Anti-Atom-Bewegung war ja nie wirklich tot, es gab immer Aufs und Abs. Wir könnten heute weiter sein, als wir sind, aber ich bin fest davon überzeugt, dass die großtechnische Nutzung der Kernenergie keine Zukunft mehr hat. Mich hat beeindruckt, dass meine erwachsenen Schüler, die alle gestandene Menschen sind, plötzlich wieder verunsichert sind und sich mit der Thematik auseinandersetzen. Manche werden auch aktiv. Das ist der richtige Anfang.

Es ist typisch für unsere Zeit, dass Themen genauso schnell verschwinden, wie sie aufkommen. Keine Angst, dass die Buttons wieder eingemottet werden?

Bös: Natürlich werden die Befürworter der Atomkraft irgendwann wieder aus ihren Verstecken kommen. Aber ich bin überzeugt, dass sie sich nicht mehr durchsetzen können. Dazu braucht es allerdings auch weiterhin Bürgerengagement mit langem Atem. Schließlich kann jeder selbst etwas tun, jede Kilowattstunde, die wir nicht verbrauchen, wird auch nicht in AKWs oder großen Kohlekraftwerken produziert. Ich freue mich auch über die Mahnwachen am Hersfelder Lullusbrunnen. So müssen wir einfach weitermachen.

Von Saskia Trebing

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