Claus Fussek forderte als Gastredner des Kulturbundes eine menschenwürdigere Pflege

Probleme totgeschwiegen

Claus Fussek (rechts) zeigt unermüdlich Missstände in der Pflege auf. Er sucht das Gespräch, so auch in der Stadthalle. Foto: Hettenhausen

Bad Hersfeld. Ein Toilettengang mit einem pflegebedürftigen Menschen ist in zwei Minuten nicht zu schaffen. Alle Anwesenden im Konferenzraum der Stadthalle nickten zustimmend, als Claus Fussek kürzlich diese Feststellung machte.

Aber warum wird diese Zeit täglich von Tausenden in Pflegeberufen Tätigen in ihren Dokumentationen unterschrieben? Es waren viele „Warums“, die der Sozialpädagoge in den Raum stellte. Er war vom Kulturbund eingeladen worden, um über das Thema „Würdevolle Pflege ist machbar und bezahlbar!“ zu referieren.

Warum bitten Heimbewohner ihre Angehörigen, nichts zu sagen, wenn sie sich beklagen? Warum sind Pflegekräfte Billig-Arbeitskräfte? Warum nehmen sich kein Politiker und kein Parteitag dem Thema „Pflege“ an, das „die Schicksalsfrage der Nation“ ist? Er stellte die Frage, wie es sein kann, dass alle Pflegeheime mit hundertprozentiger Kundenzufriedenheit im Internet bewertet werden.

Bundesverdienstkreuz

Das gebe es nicht einmal in Nordkorea. Seit mehr als 30 Jahren ist Fussek ein engagierter, aber einsamer Rufer nach mehr Humanität in Pflegeinrichtungen und Krankenhäusern. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes veröffentlichte 2013 sein Buch mit dem Titel: „Es ist genug. Auch alte Menschen haben Rechte.“

Weit über 50 000 Hilferufe hat er bekommen, zwei Drittel seiner Informanten kommen aus der Pflegeszene selbst. Wichtig sei ihm, was Rettungssanitäter, Notärzte und Bestatter erzählen, „denn die kommen unangemeldet und sehen alles.“ Fussek bestritt nicht, dass es gute Einrichtungen mit tollem Personal gibt, die sogar schwarze Zahlen schreiben. Aber leider machten diese Beispiele keine Schule. Es bestehe „eine Allianz des Schweigens“, die Probleme würden tot geschwiegen. Seine Postulate lauten unter anderem: „Jeder pflegebedürftige Mensch muss seine Mahlzeiten und Getränke in dem Tempo erhalten, wie er kauen und schlucken kann, muss so oft zur Toilette gebracht werden, wie er es wünscht, hat ein Recht auf ein Einzelzimmer, sollte nicht einsam sterben müssen, sondern mit einem Händedruck.“

Diese Pflege nach Minuten im Akkord könne keiner wollen. Fusseks Vortrag ging am Ende sogleich in eine Diskussion über. Im Publikum saßen Vertreter des AOK-Beratungscenters in Hersfeld, Pflegelehrkräfte, Pfarrer, eine Heimleiterin sowie in der Pflege Tätige. Die Angst um ihren Job war in deren Äußerungen herauszuhören.

Fussek rief das Pflegepersonal dazu auf, sich besser als Berufsverband zu organisieren. Vernetzung sei wichtig. „Es geht auch anders“, war seine Botschaft, wenn sich nur alle gemeinsam trauen würden, den Mund aufzumachen.

Von Vera Hettenhausen

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