Mozart im Zentrum eines bewegenden Abschlusses der 50. Festspielkonzerte

Plötzlich Prinzessinnen

Virtuos: Geigerin Elena Graf und Bratschistin Pei-Jun Xu begeisterten mit ihrem Spiel die Zuhörer in der Stiftsruine. Foto: von Trott

bad hersfeld. So rein, plastisch und tiefenscharf profiliert nur die mittägliche Augustsonne das Mauerwerk der Stiftsruine, die Kanten der Vierungspfeiler, die Fensterlaibungen, die Gesimse. Mittendrin das Faszinosum von Musik und Musikern. Mittendrin 400 Besucher und ein Ehrengast (siehe Hintergrund), die am Sonntagmittag mit dem letzten auch das gelungenste der zwanzig Festspielkonzerte der 50. Sommersaison erlebten.

Daran, dass gewonnene Erkenntnis sich verlieren kann und neu gewonnen werden muss, erinnert Dietrich Fischer-Dieskau in einem Zeitschrifteninterview zu seinem kürzlichen 85. Geburtstag. Ihm geht es um das vermisste Legato. Setzt Musik doch aus Bögen sich zusammen, aus wohlbedachten Verlaufskurven. Solch einen makellosen Bogen baute nun zu Beginn in der Stiftsruine der Festspielchor in Josef Gabriel Rheinbergers kurzem „Abendlied“ op. 69/3 auf: „Bleib bei uns, denn es will Abend werden“, die nachösterliche Bitte der Emmausjünger aus dem Lukas-Evangelium (Kap. 24, Vers 29) und musikalisch ein kleines Wunder des sanften Fließens und Flehens von sechs Chorstimmen.

Markus Fischer, als musikalischer Assistent der Opernproduktionen bewährt, führte mit Umsicht den Chor - wie danach das Orchester durch Händels Orgelkonzert d-Moll op. 7/4. Jens Amend steuerte einmal mehr den Solopart, reich an Spielfiguren und motorischer Differenzierung, bei, Festivalleiter Prof. Siegfried Heinrich den diskreten Cembalo-Continuopart. Anschließend wechselte er ans Dirigentenpult, zunächst für eine seiner essentiellen, weil klanglich ausgereiften und fein empfundenen Wiedergaben von Bachs Brandenburgischen Konzerten. Hier war es das dritte in G-Dur BWV 1048, das Heinrich korrekterweise solistisch in den drei Klanggruppen (Violinen, Violen, Violoncelli) besetzte und zur exquisiten Kammermusik adelte. - Die zweite Konzertstunde gehörte im „Zauberflöten“-Sommer noch einmal Mozart. Da fanden sich auf einmal zwei junge Damen mitten im Orchester wieder und hatten sich nach einer halben Stunde, am Ende der Sinfonia concertante Es-Dur KV 364, von Instrumentalsolistinnen in Prinzessinnen verwandelt. Sie schienen wie geschaffen füreinander und für dieses großartige Werk, die Geigerin Elena Graf und die Bratschistin Pei-Jun Xu, beide mit Studien- und Wirkungszentrum in Frankfurt.

Hochtalente

Graf, die ihrer Professorin Julia Fischer in schwungvollem Körpereinsatz und spieltechnisch gezeugter Expressivität stark ähnelt, Xu, die mit ihrem opulent gesättigten und schattierten Bratschenton selbst Schätze tief unter der Oberfläche der Musik aufspürt: zwei Hochtalente der Klangkunst, denen hier das Schönste im Sinn Mozarts gelang: Stimmen, Individuen, im konzertierenden Dialog und Kontrast einander gegenüber gestellt, auf höherer Ebene miteinander zu versöhnen. Dass die beiden weiblichen Twens in großer Konzertrobe da vorn auch eine Attraktion fürs Auge bildeten, entging den meisten Zuschauern wohl ebenso wenig.

Mozart - nie werden wir ihn musikalisch und menschlich ausloten. Auch diesmal war er noch mit einer Steigerung in puncto Kontrast und Harmonie zur Stelle. Seine letzte Sinfonie C-Dur KV 551, die „Jupiter-Sinfonie“, ist vornehmste Sache des Orchesters. Die Virtuosi Brunenses zeigten, dass sie mit Recht Träger des Festspiel-Ensemblepreises 2010 sind. Handwerkliche Sicherheit, mentale Gelassenheit, inspirierte Dialogfähigkeit von Streichern, Holzbläsern und Tutti, Formung edler, tragender Bögen - all das zeichnete hier Orchester und Dirigenten aus.

Von Siegfried Weyh

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