Premiere: Alan Ayckbourns Komödie „Halbe Wahrheiten“ im Schloss Eichhof

Perfekte Ahnungslosigkeit

Zwischen Ignoranz und Ahnung: Stefan Reck (Philip) und Marie Therese Futterknecht (Sheila) in „Halbe Wahrheiten“ auf der Bühne im Schloss Eichhof. Fotos: Ludger Konopka

BAd Hersfeld. Die Kunst der Ahnungslosigkeit ist schwer zu spielen, besonders dann, wenn sich untrügliche Wahrheitspartikel in das Spiel zweier Paare einschleichen. Dann zieht die elegante Sheila die Augenbraue in die Höhe, um sofort ein ladylikes Lächeln hinterherzuschieben.

Ihr Mann Philip stürzt sich nach solcherart Erkenntnisgewinn in den Garten, um die Hacke zu suchen, und die kesse Ginny in den Hotpants weitet ihre Augen im Entsetzen.

Wie ein Parsifal

Nur der junge Gregory bleibt unbehelligt. Wie ein Parsifal durchmisst er die Irrungen und Wirrungen mit der Unschuld des Herzens. Er könnte der Sieger sein, wenn er nicht auch der Belogene wäre in diesem Spiel um Lügen und Auslassungen. Aus zwei halben Wahrheiten entsteht eben noch lange keine ganze.

Im Schloss Eichhof entlässt Regisseur Janusz Kica in der Komödie „Halbe Wahrheiten“ von Alan Ayckbourn seine zwei Paare, das junge und das ältere, in ein Verwirrspiel, in dem zu viel vermutet und zu wenig gefragt wird.

Ginny und Greg wollen heiraten, und der liebe Junge ahnt wohl, dass seine Angebetete Affären, zuletzt mit einem älteren Herrn, hatte. Doch Liebe beginnt mit Vertrauen, und als Ginny ihre „Eltern“ besuchen will, macht Greg sich kurzerhand auf, diese zu überraschen.

Auf der kleinen Freilichtbühne der Bad Hersfelder Festspiele verschwindet die Studentenbude unter den Brettern (Bühne: Karin Fritz), und wir finden uns im liebevoll gepflegten Garten von Sheila und Philip wieder.

Wenn Ginny und Greg hier auftauchen, wird aus dem schönen Sonntag ein aberwitziger Komödientrip durch Ahnungslosigkeit, Verdächtigung und Missverständnis.

Gut, dass es eine Türendramaturgie gibt. Hinein und hinaus stürmen die Akteure, und jedes Mal entsteht eine andere Variante: Nein, Greg will nicht Sheila heiraten, der junge Mann will die Hand seiner Ginny. Und der vermeintliche Papa und reale Ex-Geliebte muss vor den Augen seiner Gattin zustimmen. Doch auch solche Wahrheiten haben ihren Haken.

Genaue Personenführung

Alan Ayckbourn, mehrfach ausgezeichneter englischer Komödienschreiber, wertet in seinem Stück das übliche Verwirrspiel mit herrlichen Dialogen und einer geschickten Choreografie zum Meisterwerk auf, Regisseur Kica überzeugt mit modernen Volten und einer genauen Personenführung.

Dann wird auf dem englischen Rasen die Kompromisslosigkeit der Geschlechterbeziehungen in einer Art Guerillakrieg ausgefochten. Traue deinem Feind nicht, er ist dein Partner.

Wunderbar hintergründig setzen Marie Therese Futterknecht und Stefan Reck als Sheila und Philip ihre Ahnungen in perfekte Köpersprache um. Die Ginny von Andrea Cleven ist bei aller Frechheit ein bis ins Herz verunsichertes Mädchen, und Benjamin Kneser bleibt als Greg unverwundbar in seiner Jugend und Liebe.

Das Publikum, den Suchenden und Ahnenden immer eine Spur voraus, amüsiert sich köstlich an diesem Komödien-Abend, der einmal mehr beweist, dass gutes Boulevardtheater auch Klasse haben kann. Euphorischer Beifall für Schauspieler und Regissseur.

Festspiele bis 6. August, Kartentelefon: 06621-400755.

Von Juliane Sattler

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