55. Festspielkonzerte: Hába-Streichquartett aus Frankfurt brachte Meisterwerke ins Bach-Haus

Pathos und Tragik

Das renommierte Frankfurter Hába-Quartett spielte im J.S. Bach-Haus mit dem Soloflötisten Sebastian Wittiber sowie Sha Katsouris, Hovhannes Mokatsian (Violinen), Peter Zelienka (Viola) und Arnold Ilg (Violoncello), hier mit Blumendank nach einer Zugabe von J.S.Bach. Foto:  Rainer Lehn

Bad Hersfeld. Sieht man vom reinen Opernland Italien ab, dann finden sich unter den klassischen Musikkulturen die deutsch-österreichische und die tschechische wohl obenan. Dem Frankfurter Hába-Quartett war es zu danken, dass es am Sonntag zwei absolute Meisterwerke der tschechischen Quartettliteratur zum Festspielkonzert ins J.S.-Bach-Haus mitbrachte: Die Nummer 2 „Intime Briefe“ des Mähren Leos Janácek und die Nummer 1 „Aus meinem Leben“ des Böhmen Bedrich Smetana.

Entschieden persönlich

Beide sprechen sich musikalisch entschieden persönlich aus – Janácek in seinem Todesjahr 1928 über seine heftige Altersliebe zur um Jahrzehnte jüngeren, verheirateten Kamilá Stösslová, Smetana 1876 über sein sich schicksalhaft wendendes Alter, besonders über das sich verschlimmernde Gehörleiden.

Dazwischen gestreut zwei Flötenquartette Mozarts von 1777, D-Dur KV 285 und C-Dur KV 285 b.

Sha Katsouris und Hovhannes Mokatsian (Violine), Peter Zelienka (Viola) und Arnold Ilg (Violoncello) bilden das weithin renommierte Hába-Quartett, das sich den böhmisch-jüdischen Komponisten Alois Hába (1893-1973) zum Namenspatron erwählte. Die vier Musiker sind hauptamtlich beim hr-Sinfonieorchester tätig. Hatten in Bad Hersfeld schon tags zuvor ihre Kollegen vom Trio Hommage den hohen solistischen Standard des Frankfurter Klangkörpers beglaubigt, so taten die Hábas ein Übriges: Sie beflügelten, mehr noch: erschütterten mit den beiden Quartettkompositionen auch das Zuhörergemüt.

Stürmisches Finale

Pathos und Tragik pur also in den unentwegt sich wandelnden Korrespondenzen unter den vier Streichinstrumenten, in ihrem solistischen und paarweisen Mit- und Gegeneinander, im Sich-Aufbäumen und Verlöschen beim Janácek-Opus. Analog der kämpferische Gestus bei Smetana, bis das stürmische Finale plötzlich auf einem hohen Pfeifton der ersten Violine stockt (Tinnitus), um sich im stillen Ausklang zu ergeben. Kaum nötig zu sagen, dass das Hába-Quartett über all das die vollkommene Kontrolle wahrte und dennoch gern aufs Extrem zielte, dabei vor allem Artikulation und Phrasierung, Tonbildung, Akzentuierung und Strichart hinreißend variierte. Die Musik gewann Sprachgewalt.

Duftige Zugabe

Sebastian Wittiber, Soloflötist beim hr-Orchester, wurde dem mittleren Mozart mit milder, kantabler, tragfähiger Tönung und eleganter Auszierung gerecht, vor allem im Variations-Andante von KV 285 b, in dem vieles aus der „Gran Partita“, der grandiosen Bläserserenade KV 361, vorgebildet ist. Alle fünf vereinten sich zur duftigen Zugabe, dem Largo-Mittelsatz aus Bachs f-Moll-Concerto BWV 1056 mit der Flöte als Soloinstrumment. Blumen und viel Beifall der etwa 60 Zuhörer. Es hätte die zehnfache Anzahl sein dürfen.

Von Siegfried Weyh

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