Erpressungsverfahren vor dem Bad Hersfelder Schöffengericht mit überraschendem Verlauf

Ohrfeigen im Treppenhaus

Bad Hersfeld. Einen völlig überraschenden Verlauf nahm gestern vor dem Bad Hersfelder Schöffengericht ein Prozess, in dem es laut Anklage um Erpressung und Raub ging.

Denn zum einen erwiesen sich die Vorwürfe der Fuldaer Staatsanwaltschaft bei genauerer Betrachtung als etwas dick aufgetragen. Zum anderen sah sich das Gericht unter Vorsitz von Richter Michael Krusche durch die Begleitumstände veranlasst, strikter zu urteilen als von Staatsanwältin Christina Dern und Verteidiger Jochen Kreissl beantragt.

Im Kern ging es um zwei handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen zwei im selben Haus in der Kirchheimer Hauptstraße lebenden Männern von 50 und 46 Jahren. Beide sind vorbestraft und stehen derzeit unter Bewährung.

Der Ältere, der in diesem Fall auf der Anklagebank saß, ist ein therapierter, aber bereits wieder rückfälliger Alkoholiker. Der Jüngere hat im Ort den Ruf eines psychisch Kranken, weil er durch eine – mittlerweile erkannte und erfolgreich behandelte – Schilddrüsenerkrankung zu Hysterie und Aggressivität neigte.

Worum es am 26. Juli vergangenen Jahres zwischen beiden Männern im Treppenhaus genau ging, ließ sich vor Gericht trotz vieler Nachfragen nicht zweifelsfrei klären. Ob eine unterbrochene Stromversorgung Streitpunkt war oder ein für 40 Euro gekaufter kaputter Fernseher, der nun durch ein funktionierendes Gerät ersetzt werden sollte – jedenfalls verpasste der 50-Jährige seinem Nachbarn so viele Ohrfeigen, dass der seine Anzeige bei der Polizei mit einem entsprechend verbeulten Gesicht untermauern konnte.

Der Geschlagene erwirkte darauf vor Gericht ein sogenanntes Annäherungsverbot und reagierte deshalb auch ängstlich, als sich beide Männer knapp einen Monat später unweit ihrer Wohnungen auf der Straße begegneten. Den Versuch des 46-Jährigen, per Notruf die Polizei zu Hilfe zu holen, unterband der zu diesem Zeitpunkt angetrunkene Maurer, indem er dem Jüngeren dessen Handy entwand und ein paar Meter weiter fortwarf.

So wenig wie die undurchsichtige Geschichte mit dem Fernseher eine Erpressung war, so ließ sich auch der Griff nach dem Handy nicht als Raub einstufen, weil es gar nicht um den Besitz ging.

Weil der Angeklagte seinem Nachbarn jedoch durch diese und andere skurrile bis bedrohliche Vorfälle eine laut Richter Krusche „kaum erträgliche Wohnsituation“ beschert, sah das Gericht im Gegensatz zu Staatsanwaltschaft und Verteidigung die Voraussetzungen für eine nochmalige Bewährungschance nicht als gegeben an: Der Kirchheimer muss wegen Körperverletzung und Nötigung für drei Monate hinter Gitter.

Von Karl Schönholtz

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