Erinnerungen an die Bad Hersfelder Festspiele

Offener Brief von Claus J. Frankl

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Claus J. Frankl teilt seine Festspiel-Erinnerungen zur Wiederaufnahme von "Der Name der Rose".

Claus J. Frankl – diesen Namen verbinden Insider der Bad Hersfelder Festspiele nicht nur mit der Bühnenfassung des Kloster-Krimis „Der Name der Rose“, sondern auch mit dem legendären Festspiel-Buch „Die große Faszination“. Frankl, der momentan bei den Eutiner Festspielen den Rabbi im Musical „Anatevka“ spielt, war Mitte der 80er-Jahre einige Zeit in Bad Hersfeld und hat die Festspiele für immer ins Herzgeschlossen. Seine Erinnerungen an diese Zeit sind ein Stück Festspielgeschichte. Frankls offenen Brief, den er unserer Zeitung anlässlich der Wiederaufnahme von „Der Name der Rose“ übermittelt hat, dokumentieren wir hier:

Sehr geehrte Damen und Herren,

auf diesem Wege übersende ich Ihnen herzliche Grüße - und meine besten Wünsche für die Wiederaufnahme von Eco's „Der Name der Rose“, dem Ensemble der Bad Hersfelder Festspiele ein kräftiges Toi-Toi-Toi und allen Besuchern der Aufführung in der Stiftsruine spannende Unterhaltung!

Vor genau dreißig Jahren erhielt ich Mitte Mai einen Anruf meines früheren Hochschul-Professors, des Regisseurs Günter Roth, bei dem ich im Sommer 1983 an der Folkwanghochschule in Essen mein Studium der Musiktheater-Regie abschloss. Ich war damals am kleinen Theater in Hof, nahe der deutsch-deutschen Grenze, als Regieassistent und Abendspielleiter engagiert, spielte meine ersten Rollen auf der Bühne in einer musikalischen Komödie, und wir standen kurz vor Spielzeit-Ende. Als das Telefon klingelte und sich mein Professor meldete, war ich erstaunt und erfreut – und noch mehr, als er mir das Angebot machte, mit ihm gemeinsam nur 10 Tage später bei den Bad Hersfelder Festspielen zu gastieren. Und ich erinnere mich noch genau, wie ich mir beim Telefonat einen ziemlichen Ausrutscher leistete, indem ich ihn völlig ernst gemeint fragte, seit wann er Karl Mays „Winnetou“ oder „Old Shatterhand“ inszenieren wolle... Sofort folgte seine Belehrung, dass es sich ja nicht um Bad Segeberg handelte (zu meiner Entschuldigung: Ich war damals erst 22 und hatte mit großartigem Schauspiel noch wenig Erfahrung), und dass die Stiftsruine in Bad Hersfeld für erstklassige Sprechtheater-Inszenierungen im ganzen deutsch-sprachigen Raum berühmt sei.

Nun waren wir aber doch ausgewiesene Musiktheater-Leute – und so fragte ich weiter, was er denn dann bei diesen Schauspiel-Festspielen inszenieren werde – und ich mit ihm als Regieassistent - Mein Professor, der heute in seinen 80zigern in Berlin lebt, erklärte mir, dass der Intendant Karl Vibach, der gerade bei den Festspielen sein neues Amt antrat und vom Theater des Westens in Berlin kam, die Brecht/Weill-Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ realisieren wolle, allerdings nicht mit klassischen „Opernsängern“, sondern „ganz Brecht“ mit einem Schauspieler-Ensemble. Ich war begeistert, denn diese ungewöhnliche Oper von Brecht und Kurt Weill liebe ich besonders und kannte sie vor 30 Jahren schon in- und auswendig.

Und so kam ich also mit meinem Professor Roth, der Sie alle ebenfalls grüßen lässt, Ende Mai 1984 in die Festspielstadt Bad Hersfeld. Der Stiftsbezirk war gerade neu gestaltet worden, die Wege frisch gepflastert, überall Steinchen und viele Pfützen, denn es regnete fast ständig, die Bäumchen jung und mit sehr frischem Laub, denn 1984 hatte es am 1. Mai noch geschneit, zumindest im kalten Hof an der Saale, wo ich ja mein Anfänger-Engagement absolvierte. Mit Probenbeginn erlebte ich etwas, was ich in meinem Leben nie mehr vergessen werde, was meine Zukunft beeinflusste und prägte – und was der Beginn einer Jahrzehnte langen Verbundenheit mit Bad Hersfeld ist: Ich verliebte mich in die Stiftsruine und in diese ganz besonderen Festspiele.

Das Ensemble, nicht nur für „Mahagonny“, grandios, tolle Künstler-Persönlichkeiten, die ich erleben und kennenlernen durfte: Folker Bohnet als Hamlet, Gerlinde Locker und Jutta Speidel als seine Partnerinnen, Jürgen Morche (späterer Hersfeld-Preisträger) als Laertes. Dann eine beeindruckende Dürrenmatt'sche Shakespeare-Bearbeitung von „König Johann“ mit Gunter Malzacher und Olaf Bison, in „Mahagonny“ schließlich Ingrid Ohlenschläger als Witwe Begbick, Kammersänger Jaroslav Kachel, Gerd Braese und nicht zu vergessen Astrid Jacob als „Jenny“. Alle Nicht-Genannten mögen wir verzeihen – sie alle bei Proben zu beobachten, ihnen in der Kantine nahe sein zu dürfen: Für mich Glück ohne Ende. Durch die vielen Statistinnen und Statisten lernte ich Hersfelder Mitbürger kennen, durch die es letztlich im Jahre 1990 zum Festspielbuch „Die große Faszination“ kommen sollte. Frau Irene Bröker ist gerade im hohen Alter verstorben, sie vermittelte mir den Kontakt zu Gunhild Starcke, mit der ich heute noch freundschaftlich verbunden bin – und die zur Entstehung und Gestaltung unseres Festspielbuches maßgeblich beigetragen hat und alle Unterlagen, das Archiv und die Fotos ihres Vaters, des Journalisten Gerhard Starcke großzügig zur Verfügung stellte.

Denn das war vielleicht das Einzige, was mich, der ich ja in der Festspielstadt Bayreuth aufgewachsen hatte, einigermaßen irritierte – dass es nämlich bis Ende der 80ziger Jahre keine einzige umfangreiche und repräsentative Darstellung der Festspielgeschichte gab. Außer einer kleinen Broschüre war nichts zu bekommen! Und auch das Festspiel-Archiv erhielt nicht einmal die Sammlung aller Programmhefte seit 1951. Das konnten wir alle gemeinsam mit vereinten Kräften ändern. Anlässlich des 40. Geburtstags der Festspiele 1990 haben viele unterstützende Freunde und Förderer die Materialien zusammengetragen und gemeinsam das Buch-Projekt unterstützt! Mit der Veröffentlichung endete dann meine Tätigkeit für die Festspiele, die vor 30 Jahren mit „Mahagonny“ begann. Rückblickend gesehen ist einzig schade, dass ich damals als junger Assistent so „selbstverständlich hinnahm“, was mir Bad Hersfeld damals bot: Unvergessliche Begegnungen, phänomenale künstlerische Leistungen und viele Chancen. Immerhin lud mich Intendant Karl Vibach, einer der großen Musical-Pioniere in Deutschland, spontan an, mit ihm gemeinsam ans Operettenhaus Hamburg zu gehen, wo ich mit Freddy Quinn in „Große Freiheit Nr. 7“ spielen durfte. Heute sind Musical und Operette mein Metier – und meine Karriere mit einer Bandbreite von Schauspiel bis Oper basiert auf meinen Hersfeld-Jahren. Gleichzeitig ist das Open-Air-Theater aus meiner Laufbahn nicht wegzudenken, Hersfeld war ein phänomenaler Start!

Vor einigen Jahren besuchte ich die Festspielstadt und staunte nicht schlecht: Heute sind die Bäume längst mächtig geworden (natürlich, aber irgendwie meint man immer, man sei der einzige, der älter geworden ist), die Musicals und die Komödien sind im Spielplan fest integriert, der „Eichhof“ beliebter Bestandteil der Festspiele, die Einführungsvorträge, die ich damals „nur“ in Ansätzen übernahm, haben vielen Festspielbesuchern den Zugang zu anspruchsvollen Inszenierungen und fordernden Stücken erleichtert. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an unseren Verwaltungs-Chef Hans Schmidt, der mich in meinem Engagement ermutigte und mir den eine oder andere Veranstaltung vermittelte. Für eine Mahagonny-Einführung erhielt ich 1984 drei „deutsche Eichen“, klein und zart, zum Einpflanzen als Geschenk. Gemeinsam mit Hans Schmidt und Reinhold Schott fanden wir ein Plätzchen direkt neben der neuen Kantine und benannten diesen Platz: Festspiel-Hain. Irgendwann wurden sie verpflanzt – ein schönes Gefühl zu wissen, dass irgendwo im Stiftsbezirk die Eichen von 1984 fest verwurzelt für Schatten sorgen.

Als ich zum ersten Mal die Stiftsruine betrat und schließlich bei unseren Premieren Ende Juni 1984: Wie hätte ich ahnen können, dass genau dreißig Jahre später eine Bearbeitung von mir auf dieser berühmten Festspielbühne gespielt werden würde? Hätte mir das jemand „vorausgesagt“, ich hätte ihn für verrückt erklärt... Dass „Der Name der Rose“ einmal in einer Reihe stehen würde mit „Jedermann“, dem „Salzburger Großen Welttheater“ oder der „Anatevka“-Inszenierung der achtziger Jahre (damals mit Wolfgang Reichmann, sie lief auch über drei Spielzeiten hindurch...)! Natürlich war die Idee zu einer Bühnenfassung von „Der Name der Rose“ eine meiner Hersfeld-Träume, allerdings schon Anfang der 90ziger Jahre. Doch damals hätte man wahrscheinlich noch keine Bearbeitungsrechte erhalten können, das wurde wohl erst durch die Verfilmung „einfacher“.

„Der Name der Rose“ bei den Hersfelder Festspielen stellt für mich einen Höhepunkt meiner bisherigen künstlerischen Arbeit dar – ich bin so dankbar dafür, gleichzeitig von vielen Erinnerungen geradezu überwältigt - und wünsche den Hersfelder Festspielen weiterhin positive Resonanz von allen Seiten, künstlerische Erfolge, ausverkaufte Vorstellungen sowie trockenes und warmes Sommerwetter!

Auf ein Wiedersehen, wann auch immer, freut sich Ihr aller Claus J. Frankl, derzeit bei den Eutiner Festspielen als „Rabbi“ in „Anatevka“

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