In Bad Hersfeld trafen sich Fans der Leica-Kamera zum Schrauben und Philosophieren

OP am offenen Fotoherzen

Auf Motivsuche: Mit ihren Leica-Kameras fotografieren Holger Fehsenfeld, Erich Feller und Manfred Menzel (von links) Stoffrollen in der Plissee-Fabrik Lassner in Bad Hersfeld. Genauso wie das analoge Fotografieren ist auch das Plissieren ein eher nostalgisches Handwerk.

Bad Hersfeld. Der Patient ist geduldig und erstaunlich gut in Schuss. Im Raum herrscht gespanntes Schweigen, während der fast 60-jährige Körper in seine Einzelteile zerlegt wird. „Jetzt alle mal weggucken“, ruft Claus Werner Reinhardt plötzlich. „Ich nehm’ die Zange.“

Vor ihm auf den Tisch hat der Feinmechaniker aus der Nähe von Hannover winzige Schräubchen und Plättchen aufgereiht. Mit der Präzision eines Chirurgen nimmt er die Leica-Kamera auseinander, die seit den 50er Jahren die Welt abgelichtet hat. Im gelben Salon des Stadthotels findet eine Operation am offenen Fotografenherzen statt.

Kamera für ein ganzes Leben

Zusammen mit Claus Werner Reinhardt sind gut 20 Anhänger der deutschen Traditions-Kameramarke „Leica“ nach Bad Hersfeld gekommen – aus Wien und Berlin, und alle auf Einladung des Hersfelder Fotografen Friedhelm Fett.

Drei Tage lang haben sich die Tüftler und Künstler zum Schrauben, Knipsen und Philosophieren verabredet. Um jeden der Hälse im gelben Salon hängt wenigstens eine der wertvollen Leica-M3-Kameras. „Es ist einfach die Qualität, die mich fasziniert“, sagt Angela von Einem, die aus Südhessen angereist ist. „Die meiste Elektronik ist ja kurzlebig, aber eine solche Kamera kann man ein ganzes Leben behalten.“

Obwohl die Leica einst in den späten Zwanzigern als „erste handtaschengängige Frauen-Kamera“ beworben wurde, ist die studierte Physiker- und Chemikerin das einzige weibliche Wesen in der Schrauberrunde. „Ich habe schon immer gern alles auseinandergebaut“, erzählt sie. Jetzt schaut sie gebannt dem Kameradoktor Claus Werner Reinhardt zu, der die Einzelteile seines Patienten mit Benzin reinigt. Es gibt nicht mehr viele wie ihn, die die filigrane Mechanik so gut kennen.

Für den Bochumer Dominique Blach hat die Leica-Faszination nicht unbedingt etwas mit Nostalgie zu tun – immerhin gibt es auch hochmoderne digitale Modelle. Doch seine Kamera im edlen Lederetui ist für ihn ein Stück persönliche Kultur. „Der Apparat hat eine Verbindung zur Seele“, sagt er. „Was der Apparat nicht kann, muss ich können, das ergänzt sich.“

Schatz aus dem Pappkarton

Auch Friedhelm Fett träumte schon als Konfirmand von einer Leica und kaufte sich sein erstes Modell für 2000 Mark. „Die wäre heute 4000 Euro wert“, erzählt er. Aus dem Auto vor der Tür holt er seinen neuesten Schatz, gefunden auf ebay und gebettet in Schaumstoff: eine Leica M1, wohl über 80 Jahre alt.

„Die ist doch einfach hübsch“ ist sich die Gruppe einig, während der schwarz glänzende Apparat von Hand zu Hand wandert. „Allein das Auslösergeräusch ist fantastisch“. Flott gemacht hat die betagte Leica natürlich Claus Werner Reinhard. Und wenn er alle Schräubchen und Plättchen wieder zusammengesetzt hat, beginnt auch für den Patienten aus dem gelben Salon ein neues Leben.

Von Saskia Trebing

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