Nach der Wahl ist vor der Wahl: Erklärungsversuche, Analysen und Zukunftspläne

Was nun, Bad Hersfeld?

Spannung im Multi-Funktionsraum der Konrad-Duden-Stadtbücherei: Viele politisch Interessierte hatten sich am Sonntagabend versammelt, um das Wahlergebnis live und aus erster Hand zu erfahren. Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Am Tag nach der Wahl beginnt die Analyse. Vor allem die schlechte Wahlbeteiligung treibt den politisch Verantwortlichen die Sorgenfalten auf die Stirn. „Das ist ein schlechtes Zeugnis für die Stadt, bei dieser interessanten Kandidaten-Konstellation hatte ich auf eine höhere Wahlbeteiligung gehofft“, sagt Stadtverordnetenvorsteher Dr. Rolf Göbel. Auch seine eigene Partei, die SPD, habe ihr Wählerpotential noch nicht ausgeschöpft. Er erwarte jetzt einen richtigen Wahlkampf, bei dem es allerdings um die Sache und nicht um persönliche Angriffe gehen müsse.

„Ich bedaure, dass sich nur jeder Zweite dafür interessiert, wer als Bürgermeister die Stadt regiert,“ sagte der amtierende Rathaus-Chef Lothar Seitz. Bei der bevorstehenden Stichwahl müssten sich die Hersfelder seiner Ansicht nach auch Gedanken darüber machen, wo der künftige Bürgermeister Mehrheiten findet.

Martin Gröll, der Bürgermeister von Friedewald, hatte sich gestern im Rathaus abgemeldet. Nach sechs Stunden Wahlkampfendspurt in der Bad Hersfelder Fußgängerzone hatte ihn eine böse Erkältung erwischt. Auch er zeigte sich „geschockt“ über die niedrige Wahlbeteiligung.

Eine Erklärung für sein Abschneiden bei der Wahl hatte er nicht. „Vielleicht wollten die Wähler doch lieber einen Parteien-Kandidaten“, vermutet er. Eine Wahlempfehlung für die Stichwahl will er nicht abgeben.

„Die Wähler sollen genau hinsehen, wer von beiden Kandidaten qualifiziert ist“, rät Gröll. Nach den Wochen des Wahlkampfs scheint er selbst allerdings ziemlich ernüchtert. „Vielleicht ist es besser so, dass ich nicht gewählt wurde“, sagt Gröll, „wenn man die Probleme Bad Hersfelds kennt, wünscht man diese Aufgabe eigentlich keinem, und schon gar nicht für 1000 Euro brutto mehr.“

Am Tag danach hat auch bei Willi Saal die Enttäuschung nachgelassen. Er war beruflich in Leipzig unterwegs. „Ich hatte auf 21 bis 24 Prozent gehofft“, gibt er zu. Die Fokussierung auf sein Kernthema eines zentralen Rathauses hält er für richtig, aber die „Botschaft ist wohl nicht richtig rübergekommen“, räumt er ein. Saal will jetzt mit Müller und Fehling Gespräche führen, bevor er eine Wahlempfehlung für einen von beiden ausspricht. Wichtig für ihn ist, dass sich dabei auch seine Themen wiederfinden. Saal selbst will sich jetzt eine politische Auszeit nehmen. „Für die Kommunalwahl werde ich nicht auf der CDU-Liste kandidieren“, kündigt er an. Seine weitere politische Zukunft lässt Saal vorerst offen.

Außenseiter-Kandidat Michael Kreher, der immerhin ein Prozent der Stimmen auf sich vereinen konnte, wollte gestern nicht von einem Achtungserfolg reden. „Das war eine eindeutige Niederlage, aber die Erfahrung hat sich gelohnt“, sagt er. Dennoch will sich Kreher nicht weiter politisch betätigen, sondern lieber sein Projekt eines biologisch-vegetarischen Restaurants vorantreiben.

Die geringe Wahlbeteiligung überraschst Kreher, der sich selbst als Wahlverweigerer bezeichnet, aber nicht. Seine etwas eigenwillige Erklärung: „Die Leute haben einfach keinen Bock darauf, von der Politik verarscht zu werden.“

Von Karl Schönholtz und Kai A. Struthoff

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