Null Bock? Nein, danke!

Kai A. Struthoff

So ein Gelöbnis ist schon eine feierliche Sache. Für mich als West-Berliner war der Wehrdienst nie ein Thema. Wir Insulaner lebten ja als eine Art menschliches Bollwerk der Demokratie im Kühlhaus des Kalten Krieges – das war wohl Dienst am Vaterland genug. Gelöbnisse im Fackelschein, Marschmusik und im Gleichschritt marsch, das war mir lange Zeit etwas suspekt.

Doch nach dem Fall der Mauer hatte ich oft Gelegenheit, die Bundeswehr aus der Nähe zu erleben. Ich war dabei, als Rekruten am Oderdeich Sandsäcke gegen die Flut stapelten, ich durfte an Bord der Fregatte „Niedersachsen“ auf Übungsfahrt mit ins Skagerrak – und mein Bild von Bund wandelte sich, genauso wie sich nach dem Kalten Krieg auch die Aufgaben der Bundeswehr gewandelt haben.

Vieles spricht dafür, die Wehrpflicht auszusetzen, die Armee zu verkleinern und gleichzeitig besser und effizienter zu machen. Und doch haben auch Politiker wie Rotenburgs Bürgermeister Manfred Fehr Recht, wenn sie daran erinnern, dass die Wehrpflicht Garant für die Verwurzelung der Armee in der Gesellschaft ist. Im Moment jedenfalls ist die Verunsicherung in der Truppe spürbar – so auch beim Gelöbnis in Rotenburg.

Dabei braucht die Bundeswehr jetzt vor allem Sicherheit, denn ihr Job an den Krisenherden der Welt ist gefährlich genug. In Zeiten des Terrors, in denen islamistische Fanatiker offenbar nicht mal vor Angriffen auf unser Parlament zurückschrecken, müssen wir uns verteidigen können. Frieden schaffen ohne Waffen, ja, das wäre schön und muss immer oberstes Ziel der Politik bleiben. Die Realität verlangt leider oft nach robusteren Antworten.

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt – der alte Sponti-Spruch macht inzwischen wieder Schule. In Bad Hersfeld haben am Freitagabend VdK und DGB gegen den Sozialabbau protestiert. Heute demonstrieren viele Bürgermeister gegen die Finanzpolitik der Regierung, die Anti-Atomproteste werden machtvoller, und Stuttgart 21 treibt die Menschen auf die Straße. Es macht viele Menschen wütend, wenn sie sehen, wie Banker und Großkonzerne nach der mit massiven staatlichen Hilfen überwundenen Krise schon wieder zocken und scheffeln, als wäre nichts gewesen, während die Schwachen auf der Strecke bleiben.

Vielleicht kann die Protestwelle in diesem heißen Herbst ja auch dazu beitragen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger wieder mehr engagieren. Wahlverweigerung und Politikverdrossenheit bringen nämlich gar nichts und nutzen nur den Falschen.

Deshalb gilt: Null Bock auf Politik? Nein, danke!

struthoff@hersfelder-zeitung.de

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