Kiewer Knabenchor eröffnete Internationale Bachtage mit russisch-orthodoxen Gesängen

Noch viele gute Jahre

Bad Hersfeld. „Alliluja“ und „Amin“, diese beiden Rufe verstanden wohl alle 250 Zuhörer in der vollbesetzten Bad Hersfelder Neuapostolischen Kirche. Vielleicht auch noch „gospod“ (Herr). Die Liturgie der russisch-orthodoxen Kirche favorisiert den lautstarken Lobpreis. So wird Chorgesang beim frühabendlichen Gastauftritt des Kiewer Knabenchores am Gründonnerstag als urtümliche, affirmative, ja existenzielle menschliche Äußerung erlebbar, als hymnische Beschwörung einer Gemeinschaft der Gläubigen.

Soeben erst hatte Prof. Siegfried Heinrich, der künstlerische Leiter der Internationalen Bachtage in Hessen und Thüringen, die ukrainische Hauptstadt Kiew besucht und dort ein Chorkonzert geleitet. Nun kamen die 31 Knaben und 13 jungen Männer (für Tenor- und Bassstimmen) bereits zum Gegenbesuch – zusammen mit ihrem Chormeister Ruben Tolmachow und seiner Assistentin Jana Bugaj. Nach einer guten Stunde, am Ende des kleinteiligen Programms, als man noch die vier Geburtstags-Chorknaben der Woche hochleben ließ, erreichte der Beifall jubelartige Stimmungswerte.

Der Gesang der Ostkirche unterscheidet sich grundsätzlich vom christlich-abendländischen. Zwar hat er sich seit der Christianisierung unter dem Großfürsten Wladimir vor 1000 Jahren ebenfalls vielfältig entwickelt, dabei jedoch stets das kraftvoll gemeinschaftliche, das volksnahe Moment betont und die kunstvolle, melismenreiche Stimmführung wie jede instrumentale Begleitung außen vor gelassen. Melodie und Wort sollten sich untrennbar verbinden und so die geistliche Botschaft den Gläubigen tiefer einprägen.

Speziell in Kiewer Kirchen und Klöstern wurde im 17. Jahrhundert die byzantinische Einstimmigkeit der Frühzeit zur Mehrstimmigkeit erweitert. Diese geriet bald durch italienische Gastmusiker unter westlichen Einfluss. Eine Rückwendung zur alten Tradition erfuhr der rituelle Gesang im 19. Jahrhundert, bevor er im 20. unter kommunistischer Herrschaft geächtet wurde.

Dass diese 75-jährige Verdrängung nun Vergangenheit ist, war dem Lobgesang des Kiewer Knabenchores mit dem sprechenden Namen „Dzvinochok“ (Glöckchen) deutlich abzuspüren. Die Sänger gaben ihrer religiösen Verkündigung wie ihrer musikalischen Freiheit stets wachsenden, beinahe inbrünstigen Nachdruck mit typisch slawischem profundem, attackierfreudigem und ausgeprägt kehligem Stimmklang, während westliche Chöre viel stärker auf eine Vorderresonanz achten. Tolmachow wie einige seiner Sänger stimmten mehrmals solistisch ein und hatten sympathischerweise auch eine japanische Melodie parat, die das Mitgefühl für die Opfer von Fukushima ausdrücken sollte, liegt doch Tschernobyl nicht weit von Kiew entfernt.

Besteht seit 1967

Von den Komponisten sind bei uns Namen wie Sergej Rachmaninow (der vor der Revolution von 1917 zwei riesige gottesdienstliche Werke schuf), Dmitri Bortnjanski, der Hauptvertreter des 17./18. Jahrhunderts, und Alexander Gretchaninow (19./20. Jh.) gut bekannt. Der Kiewer Knabenchor, dessen Mitglieder in ihren Familien leben und dreimal in der Woche proben, besteht seit 1967. Wünschen wir ihm, wie er selbst sang, „noch viele gute Jahre“. Am Ostersonntag, 16 Uhr, gibt der Chor ein Bachkonzert im Bachhaus Bad Hersfeld.

Von Siegfried Weyh

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