Tag der Kriminalitätsopfer: Das Opfer einer Vergewaltigung spricht über die Folgen

Nichts ist mehr, wie es war

Opfer von Gewalt sind oft traumatisiert: Dieses Foto von der Opferschutzorganisation WEISSER RING soll das zeigen. Es handelt sich nicht um die Frau, die wir interviewt haben. Foto: WEISSER RING

Hersfeld-Rotenburg. Bettina H. (Name von der Redaktion geändert) ist am 20. September 2008 vergewaltigt worden. Der 35-Jährigen fällt es bis heute schwer, von der Tat an sich zu sprechen. Sie befindet sich zurzeit in einer Klinik der Region. Die Fragen im folgenden Interview mit Bettina H. stellte ihr Volker Damm von der Opferhilfsorganisation WEISSER RING. .

Wie kam es zu der Vergewaltigung, und wann war das?
Bettina H.: Nachts – er hat meine Gutmütigkeit ausgenutzt. 

Wie sind Sie am Anfang damit fertig geworden?
Bettina H.: Gar nicht. Ich war wie in Trance. Musste nur dauernd duschen. Ich war am nächsten Tag bei einer Taufe. Erst in der Kirche ist mir alles ganz plötzlich bewusst geworden – ich musste dreimal hinausgehen, weil ich immer wieder Weinkrämpfe kriegte. Meine Nachtschicht zum Montag musste ich abbrechen, weil ich einfach nicht mehr konnte.

Wie hat die Polizei reagiert?
Bettina H.: Eine Woche später haben zufällig zwei Polizisten bei mir geklingelt, um sich nach der Nachbarin zu erkundigen. Ich stand wie versteinert vor ihnen, bat sie dann, hereinzukommen, und fragte sie: Wie lange hat man Zeit, um eine Gewalttat anzuzeigen? Die haben dann gemerkt, dass etwas nicht stimmte, und haben vorsichtig nachgefragt, was los sei. Sie riefen dann eine Kollegin, die nach 20 Minuten in meine Wohnung kam. Ich war sehr aufgewühlt, die beiden Polizisten haben so lange gewartet und waren sehr nett. Die Polizistin war sehr einfühlsam bei der Vernehmung.

Was war das Schlimmste für Sie: das Verbrechen selbst oder was danach kam?
Bettina H.: Gleiches Gewicht. Über das Erste will ich nicht sprechen. Schwer zu verkraften waren dann die erste und die zweite Zeugenvernehmung, die Wohnung wurde auseinandergenommen. Dann ins Präsidium nach Hersfeld bestellt, fotografiert worden – er auch, wie aus der Akte zu ersehen ist: er mit ganz normalem Gesicht, ich fix und fertig. Die Sache wird bis heute rausgezogen und rausgezogen, während man Tag für Tag auf den Verhandlungstermin wartet.

Fühlen Sie sich von Angehörigen und Freunden verstanden?
Bettina H.: Es ist schwer für alle. Meine Freundin hat Verständnis, aber wir schweigen das auch ein bisschen tot. Meine Mutter versucht auch, mir zu helfen – aber ich halte es von ihr fern. Ansonsten gehe ich ja gar nicht mehr unter Menschen, traue mich nicht mehr aus dem Haus. Sie leiden bis heute.

Wie beeinträchtigt Sie das schreckliche Erlebnis?
Bettina H.: Ich habe absolute Minderwertigkeitsgefühle, Panikattacken, Verlustängste, ich kann keine Nähe mehr zulassen. Ich muss mich sogar zwingen, mal in den Garten zu gehen. Ich bin psychisch und physisch fertig.

Können Sie Ihren Beruf überhaupt noch ausüben?
Bettina H.: Ich bin seit August 2010 krankgeschrieben, nachdem ich schon vorher öfter wegen Krankenhaus- und Reha-Aufenthalten meine Arbeit unterbrechen musste. Jetzt bin ich in einer Traumatherapie, die sehr hart ist. Ich habe massive Schlafprobleme und ständige Albträume. Glücklicherweise hält mir mein Arbeitgeber in einer Großbäckerei meine Arbeitsstelle frei.

Was würde Ihnen helfen?
Bettina H.: Dass er eine gerechte Strafe erhält, nicht irgendeine freundliche Ermahnung oder so. Er hatte seine Vernehmungen, ansonsten läuft er frei herum und ist mir nach der Tat mehrfach nachgefahren.

Was raten Sie anderen Opfern?
Bettina H.: Auf jeden Fall mehr Mut haben, an die Öffentlichkeit zu gehen, Anzeige zu erstatten. Und sich die richtigen Hilfen suchen. Meine Therapeutin zum Beispiel ist mir bis heute eine Stütze.

Kann Ihr Leben wieder so werden wie zuvor?
Bettina H.: Nein, es kann nichts mehr sein wie zuvor – „normal“ gibt es nicht mehr. Ich muss hier (in der Klinik) lernen, damit zu leben. Muss vieles ändern, damit ich nie wieder in eine solche Situation komme. Vorher ist es aber nötig, dass die Sache gerichtlich endlich zum Abschluss gebracht wird. Das läuft jetzt seit zweieinhalb Jahren, in denen ich schon bedauert hatte, überhaupt Anzeige erstattet zu haben, weil nichts voranging. Ich habe nach der Tatnacht auf der Brücke gestanden – wäre ein Zug gekommen, wäre ich gesprungen.

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