Bad Hersfeld liest ein Buch – Abendveranstaltung mit Autor Friedrich Christian Delius

Der nicht rechnen wollte

Signiert: Das Buch erwies sich auch an diesem Abend als Kassenschlager. Besonders wertvoll wurde es für die Käufer durch die Signatur des Autors Friedrich Christian Delius (sitzend).

Bad Hersfeld. Es „zuselt“ seit Wochen in der Stadt. Beim diesjährigen literarischen Gemeinschaftserlebnis haben sich interessierte Bürgerinnen und Bürger mit dem ausgewählten Buch „Die Frau, für die ich den Computer erfand“ von Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius auseinandergesetzt.

Mit Redakteurin im Dialog

Ein Höhepunkt des umfangreichen Programmes war die Abendveranstaltung am Freitag in der sehr gut besuchten Schilde-Halle. Im Dialog mit der FAZ-Redakteurin Sandra Kegel berichtete der Autor über die Entstehung dieses raffinierten und höchst unterhaltsamen Romans, über seine kurze persönliche Begegnung mit Konrad Zuse und den Menschen Konrad Zuse, der nicht nur den ersten Computer der Welt baute, sondern auch eine autosuggestive platonisch-historische Liebe zur mutmaßlich ersten Programmiererin Ada Lovelace aus dem 19. Jahrhundert lebte.

Bürgermeister Thomas Fehling freute sich, dass im zehnten Jahr der Gemeinschaftsaktion „Bad Hersfeld liest ein Buch“ ein Roman ausgewählt wurde, der eng mit Bad Hersfeld und der Region verknüpft ist. „Ich war zu faul zum Rechnen“, zitiert Fehling Konrad Zuse, mit dem er die abgrundtiefe Abneigung gegen stumpfsinnige Arbeiten teilt. Fehling dankte allen Vorleserinnen und Vorlesern für ihren Einsatz und verwies auf eine ganz besondere Lesung, die Stadtpensionär Reinhard E. Matthäi im „Gänsehöfchen“ in Oberstoppel organisiert und verbunden mit einem „Jägerschnitzel-Essen“ ausgeführt hat. Friedrich Christian Delius, der für mehrere Tage in die Gegend seiner Kindheit zurückgereist ist, hat sich für die Lesung eben dieses Kapitel aus seinem Roman ausgesucht, in der Konrad Zuse fiktiv seine Gedanken einen ganzen Abend und eine ganze Nacht lang frei fließend und assoziierend auf das Tonband eines Journalisten spricht. Das Treffen fand seinerzeit im Gasthof „Burg Hauneck“ statt, serviert wurde „Jägerschnitzel mit Kroketten“, wie immer zuverlässig mittelmäßig. Die Grundidee zu diesem Roman hatte Delius schon vor über zwanzig Jahren, angestiftet unter anderem von dem Vortrag Konrad Zuses zum Thema „Faust, Mephisto und der Computer“. „Mich interessierte die komplexe Erfinderpersönlichkeit mit ihrer Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit“.

Rechner im Wohnzimmer

Zuse kündigte 1935 seine aussichtsreiche Stelle bei den Henschel-Flugzeugwerken in Berlin, um im Wohnzimmer seiner verblüfften Eltern eine vollautomatische Rechenmaschine zu bauen. Die Ursache für seinen spontanen Beschluss war die Vision, die stupide Arbeit des Rechnens durch eben diese Maschine erledigen zu lassen. Die Z1 ist die erste programmgesteuerte Rechenmaschine der Welt, deren Finanzierung vollständig aus privaten Mitteln erfolgte. „Ohne Rilkes Regel ,Ich muss‘ hätte ich nicht durchgehalten“, verrät Zuse in seinen Lebenserinnerungen. Erstaunlich viele Menschen, die Zuse gekannt haben, versicherten dem Autor, dass er die Figur auch in seiner nachdenklichen, zerstreuten und freundlichen Art relativ gut getroffen habe.

Von Gudrun Schmidl

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