Montagsinterview mit FDP-Generalin Nicola Beer und Kreisparteichef Werner David

Nicht auf Pöstchen schielen

Wollen die liberale Partei erneuern: Die Bundes-Generalsekretärin der FDP, Nicola Beer, und der Kreisvorsitzende Hersfeld-Rotenburg, Werner David, im Schilde-Park Bad Hersfeld. Foto: Janz

Bad Hersfeld. Die Generalsekretärin der Bundes-FDP, Nicola Beer, war zu Gast beim Kreisparteitag Hersfeld-Rotenburg. Wir haben mit ihr und dem Kreisvorsitzenden Werner David über den Neuanfang ihrer Partei gesprochen.

Frau Beer, vorweg eine persönliche Frage: Sie sind Mitte 40, Rechtsanwältin und ehemalige Ministerin. Haben Sie keinen besseren Job gefunden?

Nicola Beer (lacht): Ich musste eine Zeitlang nachdenken, als Christian Lindner nach der Wahl mit dem Vorschlag kam, weil dies eine große Ehre, doch für meine Familie eine große Umstellung ist. Aber ich hätte das Gefühl gehabt, fahnenflüchtig zu werden, hätte ich abgelehnt. Wir sind in einer Situation, die wir noch nie hatten. Da werden alle Kräfte gebraucht.

Viel Spaß kann es derzeit nicht machen. Kein Kabarettist, der sich nicht genüsslich an der FDP abarbeitet, und die Gefahr, in der politischen Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Beer: Es stimmt, das Projekt Wiedereinzug in den Bundestag ist ein Marathonlauf. Aber wir sind eine Partei im Wandel. Es geht uns nicht um ein paar Schönheitskorrekturen, eine neue Homepage und das war’s. Wir sind in allen Untergliederungen dabei, neue Arbeitsstrukturen zu finden, eine andere Kommunikation zu pflegen, einen neuen Stil. Das braucht Zeit.

Nimmt man die FDP deshalb fast nicht mehr wahr?

Beer: Als außerparlamentarische Opposition kommt man nicht so leicht in die Medien, wenn man nicht gerade den Rücktritt von Herrn Friedrich fordert.

Man hat aber auch nicht den Eindruck, dass die FDP besonders fehlt.

Beer: Da widerspreche ich. Die FDP fehlt sehr, wenn man sich anschaut, wie im Bundestag alle Anstrengungen zunichte gemacht werden, mit denen wir vom kranken Mann Europas wieder an die wirtschaftliche Spitze gekommen sind. Von der Rente mit 63 bis zum Mindestlohn, von der Energiewende bis zur Mietpreisbremse sind wir ein miserables Beispiel in Europa, und da wollen wir im Europawahlkampf wirtschaftliche Vernunft deutlich machen.

Haben Sie auch gute Nachrichten für die Basis beim Kreisparteitag?

Beer: Wir haben seit der Bundestagswahl gut 3500 neue Mitglieder gewonnen. Das sind alles Leute, die sagen: Jetzt mische ich mich ein. Die versprechen sich nicht persönlich etwas, denn wir haben momentan nichts zu verteilen.

Werner David: Wir brauchen keine Leute, die schnell reinkommen und versuchen, Karriere zu machen. Wir brauchen Leute, die bodenständig sind, denn das merken die Bürger in der Kommunalpolitik.

Hat die FDP im Landkreis auch einen Mitgliederzuwachs?

David: Ja, auch wir haben neue Mitglieder, die mit aufbauen wollen. Und wir stehen hier in Hersfeld-Rotenburg gerade mit jungen Mitgliedern sehr gut da. Da kann man bei den nächsten Wahlen den Stab übergeben an Leute, die dann das Handwerk beherrschen.

Beer: Wir haben in Hersfeld-Rotenburg Mitglieder, die bekannt und glaubwürdig sind. Das sind Sympathie- und Vertrauensträger, die das Gespräch mit den Bürgern suchen.

Aber die bekanntesten Gesichter der FDP im Kreis sind doch der ehemalige Landtagsabgeordnete Jochen Paulus, der zur Alternative für Deutschland gewechselt ist, und der Bad Hersfelder Bürgermeister Thomas Fehling. Er ist im Wahlkampf als überparteilicher Kandidat aufgetreten. Haben Sie ein Imageproblem?

Beer: Thomas Fehling ist durch und durch ein Liberaler, und das haben die Menschen auch gewusst, als sie ihn gewählt haben. FDP-Kandidaten haben aber häufig überparteiliche Bündnisse im Rücken, um sich gegen die beiden großen Parteien wehren zu können.

Dennoch hat es die FDP hier nicht gerade leicht. In Alheim ist der komplette Vorstand ausgetreten, und in Bebra, Rotenburg und Ronshausen mit fast 30 000 Einwohnern kamen zur Versammlung des Ortsverbands nur sechs Mitglieder.

David: Wir hatten im Rotenburger Land schon immer Schwächen. Wir haben im Kreis aber auch Hochburgen, zum Beispiel meinen Ortsverband Hohenroda. Dort war die FDP die treibende Kraft, damit sich ein bürgerlicher Kandidat gegen einen starken SPD-Bürgermeister durchgesetzt hat. Unser Ziel ist, im Sinne der Bürger Veränderungen zu bewirken.

Wird denn die FDP mit einem Landratskandidaten antreten?

David: Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Es ist auch wichtig, nicht immer nur nach Pöstchen zu schielen. Das war ja eines unserer Defizite auf Bundesebene. Wir wollen Inhalte rüberbringen, auch vor Ort. Wenn wir in den funktionierenden Ortsverbänden wie Hohenroda, Bad Hersfeld, Ronshausen und Wildeck genau das machen, dann werden wir irgendwann auch wieder an weißen Flecken wie Alheim da sein. Da bin ich sicher.

Von Marcus Janz

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