Montagsinterview: Friedhelm Großkurth wird als Schulleiter verabschiedet

G 8 war nicht mein Traum

Am fast leeren Schreibtisch: Friedhelm Großkurth ist noch im Stress, weil er als Leiter der Jakob-Grimm-Schule an den Prüfungen der Realschüler teilnimmt. In seinem Büro stehen aber schon Umzugskartons. Sabine Rimbach wird hier am 1. Februar als seine Nachfolgerin einziehen. Foto: Schäfer-Marg

Rotenburg/Bad Hersfeld. Elf Jahre lang hat er die Geschicke der Jakob-Grimm-Schule (JGS) in Rotenburg geleitet. Am kommenden Donnerstag, 31. Januar, wird Friedhelm Großkurth in den Ruhestand verabschiedet. Sabine Rimbach aus Bad Hersfeld folgt ihm im Amt. Wir sprachen mit ihm über Schüler, Facebook, Förderstufe und warum die größte Schule im Altkreis Rotenburg etwas ganz Besonderes ist.

Herr Großkurth, haben Sie die Schule verändert oder hat die Schule Sie verändert?

Friedhelm Großkurth: Diese Schule hat aus mir einen anderen Menschen gemacht – jedenfalls gesundheitlich. Mein Tinnitus ist ein Freund aus Rotenburger Zeit. Dass sich Dinge verändern, ist natürlich. An den Veränderungen in der Schule habe ich mitgewirkt.

In Ihre Zeit als Schulleiter fällt eine der gravierendsten Änderungen der JGS: G8, also die verkürzte Mittelstufe, die in zwölf Jahren zum Abitur führt, wurde eingeführt. War die Entscheidung dafür richtig?

Großkurth (zögert lange): Bei Abwägung der Rahmenbedingungen in der Region, der Möglichkeiten unserer Schule und der Vorstellung, was man von Kindern verlangen kann, war die Entscheidung richtig. Auch mit Blick auf die Anmeldezahlen war unsere Entscheidung richtig. Die gymnasialen Eingangsklassen sind proppevoll. Eltern streben für ihre Kinder nun mal einen anspruchsvollen Abschluss an.

Aber ich persönlich habe nicht von G8 geträumt. Hätte es nicht den fast verpflichtenden Anstoß aus Wiesbaden gegeben, wäre es wohl bei G9 geblieben.

Die Einführung der gymnasialen Eingangsklassen muss doch für Sie persönlich schwierig gewesen sein, weil Sie Ihre berufliche Laufbahn mit Überzeugung an Gesamtschulen verbracht haben. Großkurth: Die Einführung der G-Klassen war für mich die schmerzhafteste Entscheidung überhaupt. Wir haben uns damit vom meiner Ansicht nach richtigen Weg entfernt, Kinder möglichst lange gemeinsam lernen zu lassen. An der JGS haben Eltern allerdings mit der weiter bestehenden Förderstufe noch eine realistische Alternative für ihre Kinder. Die Möglichkeiten des gemeinsamen Lernens sind noch zu verhandeln. Das Kunststück ist, Lernbedingungen zu schaffen, die auch individualisiertes Lernen ermöglichen.

Mögen Sie eigentlich Jugendliche?

Großkurth: Grundsätzlich ja, aber ein Schulleiter sollte ein abgeklärtes Verhältnis zu Kindern und Jugendlichen haben und sich gut überlegen: Wie viel Nähe lässt er zu, und wie viel Distanz muss er halten. Er sollte freundlich, interessiert, hilfsbereit und konsequent sein – wenn es sein muss, auch streng. Ich erlebe die Jugendlichen heute genau so, wie sie sein sollen: lebendig, offen, laut.

Sie sind schon so lange im Beruf. Haben sich die Jugendlichen im Lauf der Zeit verändert?

Großkurth: Ja und nein. Ihre Kommunikationsgewohnheiten haben sich durch die neuen Medien am deutlichsten verändert. Sie leben in einer realen und in einer virtuellen Welt – häufig zeitgleich. Sie treffen sich persönlich, spielen aber parallel dazu mit dem Handy.

Sind Sie selbst auf Facebook unterwegs?

Großkurth: Ja. Eigentlich aber nur, um Kontakt zu halten zu den Menschen, die mir wichtig sind. Meinen Kindern zum Beispiel. Außerdem muss man aufpassen, dass man den Anschluss an die modernen Kommunikationsmittel nicht verpasst.

Wer die JGS besucht hat, bleibt gefühlt für immer Teil der Schulgemeinde. Ist die JGS eine besondere Schule?

Großkurth: Uneingeschränkt ja. Das merkt man sogar an ihrer mächtigen Architektur. Sie hat eine besondere Bedeutung für die Stadt und die Region. Sie ist eine Schule mit Tradition, und man hat die Verpflichtung, sich dieser Tradition zu stellen. Und man muss sehen, wie man die Tradition mit der Moderne verbindet.

Ihre Bilanz nach elf Jahren?

Großkurth: Ich habe hier wunderbare Menschen kennengelernt und viele bereichernde Erfahrungen gemacht. Ich konnte mich erproben und gemeinsam mit anderen etwas gestalten. Der JGS werde ich verbunden bleiben, auf die Weise, die die Schule wünscht. Ich könnte mir sogar vorstellen, nach einer Karenzzeit wieder einige repräsentative Aufgaben für die Schule zu übernehmen.

Von Silke Schäfer-Marg

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