Anmerkungen zum jüngsten Waffenstillstand im Nah-Ost-Krieg

Gastbeitrag des Autors Dieter Schenk: Nicht wie Lämmer zur Schlachtbank gehen

Dieter Schenk Foto: Archiv

Der jüngste Waffenstillstand weckt neue Hoffnungen, dass das Inferno beendet ist, denn der Nah-Ost-Krieg hat ein unerträgliches Ausmaß erreicht. Will man ihn bewerten, darf man die für das jüdische Volk traumatisierende Vergangenheit nicht aus dem Blick verlieren. Er betrifft Juden, deren Vorfahren zum Teil Deutschland als ihr Vaterland ansahen.

Nach nationalsozialistischer Diktion war das „Weltjudentum“ eine große Gefahr, weshalb man die Juden vernichten müsse, denn sie seien „Deutschlands Unglück“. Die Folge dieses gnadenlosen Rassismus war, dass dem Holocaust mindestens 5,9 Millionen Juden in Europa zum Opfer fielen. Allein in Ostgalizien, einem Distrikt des Generalgouvernements, kamen durch Transporte in das Vernichtungslager Belzec, durch Pogrome, Massenerschießungen sowie infolge von Hunger und Seuchen in den Ghettos und Zwangsarbeitslagern mindestens 525 000 Menschen ums Leben. Die Zahl der überlebenden Juden wird auf 10 000 bis 15 000 von ehemals 450 000 galizischen Juden geschätzt.

Generalgouverneur Hans Frank rief am 1. August 1941 bei einer Massenveranstaltung in Lemberg aus: „Übrigens habe ich heute gar keine Juden gesehen. Was ist denn das? Es soll doch in dieser Stadt einmal Tausende und Abertausende von diesen Plattfußindianern gegeben haben – es war keiner mehr zu sehen. Ihr werdet doch am Ende mit denen nicht böse umgegangen sein?“ (Das Protokoll verzeichnet: Große Heiterkeit). Frank sagte bei anderer Gelegenheit: „Juden sind außergewöhnlich schädliche Fresser, man darf mit ihnen nicht viel Federlesens machen, wir müssen sie vernichten, wo wir sie treffen.“ Solche Äußerungen der führenden Nazi-Politiker waren die Regel. In dem Film ‚Der ewige Jude’ (1940) wurden die Juden als Ratten dargestellt.

Die Überlebenden schworen sich nach Kriegsende: Nie wieder lassen wir uns wie Lämmer zur Schlachtbank führen – obwohl diese Sichtweise umstritten ist, denn es gab sehr wohl einen wirkungsvollen jüdischen Widerstand.

Es ist berechtigt und notwendig, Israel zu kritisieren. Dass in israelischen Gefängnissen gefoltert wird ist unerträglich. Die Siedlungspolitik ist schon lange eine Bedrohung des Friedens, wie auch die würdelose Behandlung der Palästinenser den Hass schürt. Und schließlich muss man die Brutalität, mit der Israel seit Wochen seine militärische Macht einsetzte, als Notwehrexzess verurteilen.

Die Bundesrepublik hat einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau des Staates Israel bis heute geleistet. Alle deutschen Regierungen stellten sich an die Seite des jüdischen Staates und bekundeten Freundschaft und Solidarität.

Wer allerdings dafür plädiert, Israel nicht mehr militärisch zu unterstützen, sollte sich die Topografie des Landes anschauen. Denn die umgebenden Staaten sind Todfeinde und haben geschworen, Israel auf der Landkarte auszuradieren. Auch die Charta der Hamas verlangt die Vernichtung Israels.

Israel konnte bisher nur überleben, weil es eine starke Militär- und Atommacht ist. Dabei muss es bleiben, auch und gerade durch die politische und militärische Unterstützung Deutschlands. Allerdings ist Israel nicht legitimiert, mit deutschen Waffen rücksichtslos zu zerstören, was durch EU-Hilfsmittel, also auch mit deutschem Geld, in Gaza aufgebaut wurde.

In Israel und überhaupt im Ausland wird anerkannt, dass sich Deutschland beispielhaft mit dem Erbe der nationalsozialistischen Vergangenheit kritisch auseinandersetzt. Gerade deswegen sehen nicht wenige israelische Politiker in Deutschland einen wichtigen Mediator, aus der derzeitigen Krise herauszuführen. David Harris, Direktor des American Jewish Committee, vertrat vor wenigen Tagen die Meinung, dass Deutschland die größte Sensibilität für die Ängste und Bedürfnisse Israels habe und als Führungsnation in Europa richtunggebende Verantwortung tragen müsse.

Was ist das Ziel? Desmond Tutu, legendärer Erzbischof in Südafrika, bringt es auf den Punkt: Israel muss die Palästinenser befreien, um sich selbst zu befreien.

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