Montagsinterview: Dr. Dieter Gobrecht spricht über Gefahren aus dem Kühlschrank

„Nicht hochmütig sein“

Hersfeld-Rotenburg. Verdorbenes Fleisch, verseuchte Eier, verunreinigtes Gemüse: Immer wieder werden Verbraucher verunsichert und sollen bestimmte Nahrungsmittel von ihrem Speiseplan streichen. Nach Lebensmittelskandalen und Krankheitserregern wie der Schweinegrippe grassiert nun das Darmbakterium Ehec. Wir haben mit dem Fachbereichsleiter für Gesundheit des Landkreises Hersfeld-Rotenburg, Dr. Dieter Gobrecht, über die lauernden Gefahren und die unsichtbare Bedrohung durch Bakterien, Viren und verunreinigte Lebensmittel gesprochen.

Nach Vogelgrippe und Schweinegrippe nun Ehec. Hat die Gefahr, an gefährlichen Bakterien und Viren zu erkranken, zugenommen?

Dr. Dieter Gobrecht: Wenn ich mir die Fallzahlen unseres Landkreises ansehe, hat die Gefahr für eine Ansteckung nicht zugenommen. Unsere Fallzahlen lassen nicht den Schluss zu, dass eine zunehmende Gefahr beispielsweise durch Infektionskrankheiten wie die Mexiko-Grippe zu erwarten ist. Problematisch ist, dass in Deutschland die Landwirtschaft viel zu leichtfertig unter den Generalverdacht gestellt wird, für alle möglichen Gesundheitsgefahren verantwortlich zu sein. Selbstverständlich ist Ehec gefährlich und ernst zu nehmen. Das Bakterium stellt eine Gefahr für die Bevölkerung da und menschliches Fehlverhalten ist nicht auszuschließen.

Wie sähe dieses menschliches Fehlverhalten aus?

Gobrecht: Zum Beispiel nicht ausreichend geklärte Abwässer, die zur Bewässerung der Felder genutzt werden, stellen ein Problem dar. Die Gefahr, dass dabei Erreger auf Produkte gelangen, besteht immer, obwohl die EU ungeklärte Abwässer zur Bewässerung verbietet. Die Kontrolle und der Vollzug funktionieren in Deutschland weitestgehend. In anderen Ländern bedauerlicherweise nicht immer. Trotzdem dürfen wir nicht hochmütig sein.

Wo bestehen in Deutschland Gefahren?

Gobrecht: Auch die beste Überwachung schützt nicht vor Gefahren. Ein Beispiel dafür sind die Ereignisse in deutschen Krankenhäusern. Wir haben mit verunreinigtem OP-Besteck und multiresistenten Keimen zu kämpfen. Deshalb dürfen wir nicht auf andere Länder herabschauen, obwohl wir in Hygienefragen vermeintlich gut aufgestellt sind.

Sie haben gesagt, dass die Landwirtschaft nicht unter Generalverdacht gestellt werden darf. Gibt es trotzdem Probleme, die mit der Nahrungsmittelproduktion einhergehen?

Gobrecht: Die zunehmende Industrialisierung muss kritisch betrachtet werden. Der Dioxinskandal hat durch die industrialisierte Landwirtschaft eine ungleich größere Verbreitung erlebt, als dies in kleinen landwirtschaftlichen Strukturen der Fall gewesen wäre. Die Industrialisierung birgt ein größeres Risiko, dass Probleme in größeren Dimensionen auftreten. Bei einer Freilandhaltung mit 200 Hühnern ist eine Dioxinverseuchung weniger wahrscheinlich und katastrophal als bei einer Stallhaltung mit mehreren tausend Tieren. Das Problem ist, dass die Landwirte einem wirtschaftlichen Druck unterlegen sind, der mit der Erwartungshaltung der Verbraucher einhergeht, dass Lebensmittel billig sein müssen.

Wird sich die Gefahr noch verschärfen?

Gobrecht: Ich glaube nicht. Die Lebensmittelsicherheit unterliegt immer feineren Kontrollmechanismen. Wir lernen durch jeden neuen Skandal. Die EU-Überwachungsvorschriften verursachen einen positiven Druck und vereinheitlichte Vorgaben werden auch auf andere europäische Staaten angewendet, die nicht so gute Standards haben. Das kann eine segensreiche Wirkung für alle haben.

Werden wir durch die Medien zunehmend für unsichtbare Gefahren sensibilisiert?

Gobrecht: Ich glaube schon, dass die Menschen durch mediale Veröffentlichungen sehr stark aufgewühlt werden. Allerdings wird dadurch der Blick für Gesundheitsrisiken, die die Menschen selbst in der Hand haben und zu ihren Gunsten beeinflussen können, verstellt. Ein Beispiel dafür ist der riskante Umgang mit Genussgiften und zunehmender Übergewichtigkeit. Daraus resultieren die so genannten Volkskrankheiten Diabetes, Gelenkerkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zu Krebserkrankungen. Das ist eine weitaus höhere Gefahr für die Bevölkerung.

Von Alia Shuhaiber

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