Abiturient Simon Stache aus Asbach verbringt einige Monate in Tokio

„Nicht deutsch denken!“

Simon Stache, 20, in seiner japanischen Schuluniform auf dem fertig gepackten Reisekoffer. Foto: Pistor

Asbach. Simon zupft sich sorgfältig seine japanische Schuluniform zurecht und nimmt Wasaga, einen japanischen Papierschirm, zur Hand. „Ist das so okay für das Foto? Ich dachte, dann sehen die Leute mal, wie man sich als japanischer Schüler kleidet.“ Der 20-jährige Abiturient ist schon lange ein Freund japanischer Kultur. „Das hat mit den Mangas und japanischen Filmen, Animes, angefangen“, berichtet er, „außerdem fand ich die Sprache so klangvoll.“

Der Abiturient nahm seit Längerem am Schüleraustauschprojekt der Konrad-Duden-Schule Hersfeld teil und bereiste bisher Lyon, Amerika, Paris, Polen und im vergangenen Jahr nun auch Tokio. „Ich habe dafür japanische Sprachgrundkenntnisse aufgebaut, allerdings ist das Angebot in unserem Kreis für solche Kurse nicht gut. Ich saß aus Mangel an Alternativen sogar in einem Chinesisch-Sprachkurs, dabei ist diese Sprache eigentlich ganz anders!“

Ungeheuer gastfreundlich

Der Aufenthalt in Tokio gefiel Simon sehr gut, nicht zuletzt wegen der ungeheuren Gastfreundlichkeit der dortigen Familien. Er erzählt, dass er in den Vereinigten Staaten durchaus ein eigenes Zimmer zur Verfügung gestellt bekommen hatte, und die Wohnverhältnisse in Japan sind bekanntlich ziemlich bedrängt. „Dennoch hatte ich in Japan mehr Platz als in Amerika“, lacht er, denn die Gastfamilie hatte sich selbst auf engeren Raum zurückgezogen, weil sie darauf bestand, ihrem besonderen Gast eine eigene Etage anzubieten.

Die Verständigung erwies sich trotz seiner Sprachkenntnisse zunächst als schwierig, denn in Japan spricht kaum jemand Englisch und noch weniger Deutsch. „Man wird ins kalte Wasser geworfen. Am Schlimmsten war es beim Volleyball. Man wählt in Japan prinzipiell Clubaktivitäten nach dem Unterricht, und keiner meiner Sportpartner sprach etwas anderes als Japanisch.“ Nichtsdestotrotz gelang es Simon spielend, innerhalb einer Woche Kontakte zu knüpfen und die wichtigsten Sätze zu erlernen. „Das klappte eigentlich ganz gut. Ich spreche nach dem Schüleraustausch recht fließend Japanisch, und das habe ich vor Ort gelernt.“

In diesem Jahr möchte der junge Mann seine Sprachkenntnisse erweitern und vertiefen, außerdem freut er sich auf seine alte Gastfamilie. Allerdings reist Simon diesmal mit „Work & Travel“, einem Reiseveranstalter, der in Kooperation mit verschiedenen Ländern Visa für Urlaubsarbeiter ausstellt. Simons Visum ist ein Jahr gültig. Er finanziert sich die Reise durch die Jobs, die er über „Work & Travel“ zugewiesen bekommt und muss die Familien vermutlich oft wechseln. „Ich bin kein Schüler mehr, also kann ich nicht mehr am Schüleraustausch teilnehmen. Aber so fühle ich mich auch viel freier. Ich habe das erste Mal das Gefühl, tun und lassen zu können, was ich will.“ Er möchte so viel wie möglich von Japan sehen, in die Kultur eintauchen und seinen Horizont erweitern. Auch erhofft er sich von seiner Reise Anregungen für seine künftige Studienlaufbahn.

„Die meisten verstehen allerdings nicht, warum ich in diesem Jahr wieder nach Tokio reisen möchte. Sie können mit der fremden Kultur der Japaner nichts anfangen.“ Nicht nur, dass die Sprache nicht mit der deutschen vergleichbar ist, da sie eine andere Grundstruktur hat, auch kulturelle Unterschiede, wie die Tatsache, dass Mädchen in der Schule nur mit Mädchen und Jungen nur mit Jungen befreundet sind, erschwert einem Deutschen die Anpassung. „Die Jungs an meiner Schule waren viel zu schüchtern, um Mädchen anzusprechen. Sie konnten nicht verstehen, wie ich im Umgang mit ihnen so locker sein konnte.“ Besonders irritierend fand Simon bei seinem ersten Japanaufenthalt, dass es so wenige Ausländer neben ihm gab. „Ich war eine richtige Attraktion. Es kam oft vor, dass ich etwa in der U-Bahn von ein paar Mädchen mit hochroten Köpfen gefragt wurde, ob sie ein Foto von mir machen dürften.“

Gestern ging’s los

Simon begann seine Reise bereits gestern in ungetrübter Stimmung, jedoch, so merkt er an, würden ihm seine Freunde gewiss fehlen, denn japanische Jugendliche sind eher distanziert. Auch wird Simon das erste Mal in seinem Leben auf Weihnachten verzichten müssen, denn das wird in Japan nicht gefeiert. Vermutlich wird es für ihn ein ganz normaler Arbeitstag sein. „Ich lege allen, die nach Japan reisen möchten, Eines nahe: Lasst das deutsche Denken komplett zuhause! Dann ist es ganz einfach, sich dort zurechtzufinden.“

Von Christina Pistor

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