250 Dinge, die wir an der Region mögen (34): Die Eichhofsiedlung

Neue Heimat am Hang

Einst war dies ein Hang auf dem nur das Vieh weidete, bis 1950 rund 680 Flüchtlinge aus der Hügellandschaft eine neue Heimat mit Läden und Handwerk gründeten: Die Eichhofsiedlung in Bad Hersfeld. Foto: Kaschik

bad hersfeld. Den kleinen Tunnel, der unter der Autobahn hergeht, nennen die Bewohner des Eichhofs „Viehtrieb“. Dieser muss passiert werden, um zum Bad Hersfelder Stadtteil zu gelangen. „Und schon ist man mittendrin in unserer Eichhofsiedlung“, lacht Ortsvorsteherin Gisela Gross.

Zwei imposante Kirchen zieren die naturnahe Wohngegend. Früher war der Hang des Lax-Berges lediglich Nutzfläche für Landwirte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand auf dem Berghang die Siedlung für Heimatlose. Innerhalb von drei Jahren wuchs der Eichhof, zusammengewürfelt aus Vertriebenen, Flüchtlingen und entlassenen Soldaten, zu einer eigenständigen Gemeinschaft mit 167 Wohnungen für insgesamt 680 Personen.

„Wir haben auf engstem Raum zusammengewohnt. Jeder Quadratmeter wurde ausgenutzt“, erinnert sich Gisela Seydel. Im Alter von acht Jahren kam sie als eine der ersten Siedlerinnen auf den Eichhof.

„Alles wurde mit unseren eigenen Händen erbaut. Es wurde sich gegenseitig geholfen“, sagt sie weiter. Mit ihrer Mutter Irmgard war Gisela Seydel aus dem zerbombten Dresden geflüchtet. Gemeinsam bauten sie mit Stiefvater Norbert eine Gärtnerei auf.

Ein Bauernhof, eine Post, Handwerksbetriebe sowie ein kleiner Einkaufsladen und ein Lokal machten die Eichhofsiedlung zu einem belebten Ort, der stetig wuchs und von den zahlreichen Einflüssen, wie der schlesischen, ungarischen und preußischen Kultur profitierte.

Gemeinschaft stärken

Allzu viel ist von der florierenden Anfangszeit jedoch nicht übriggeblieben: „Der demografische Wandel macht selbstverständlich auch nicht vor dem Eichhof halt“, bedenkt Gisela Gross. „Doch wir wissen uns zu helfen: Mit Eichhof-Festen und Vereinstätigkeit arbeiten wir kräftig daran, das Gemeinschaftsgefühl zu fördern und zu stärken.“ Der Eichhof soll nicht zu einem anonymen Viertel werden, sagt die 56-jährige Ortsvorsteherin. „Kinder und ältere Menschen werden mit eingebunden. Neubürger sind ebenso willkommen, wie die Ur-Eichhöfer.“

Der anfängliche Argwohn der Kernstadtbewohner gegenüber den „Fremden“ ist schon lange abgelegt: „Der Eichhof ist ein fester Bestandteil des Stadtbildes“, freut sich Gisela Gross. „Die Infrastruktur bindet uns wunderbar an das Zentrum an, was besonders gut für ältere Bewohner ohne Auto ist.“

Anlaufpunkt für Bewohner

Mit dem neueröffneten Tegut-Lädchen sei außerdem auch wieder ein richtiger Anlaufpunkt entstanden, der die Siedlung belebt.

An das unwegsame Gelände erinnert dank des Tatendrangs der ersten Siedler nur noch wenig. Geröll und Pflanzen sind Spielplätzen und Wohnhäusern gewichen. Ein Wappenbaum erinnert an die vielen verschiedenen Wurzeln der einstigen Flüchtlinge, für die der Eichhof nach den unruhigen Jahren des Krieges eine neue Heimat wurde.

„Wenn man bedenkt, wieviel kaputt war, ist es regelrecht unser Glück, dass wir die Möglichkeit hatten, alles neu zu erbauen. Auch, wenn man das Ganze quasi aus dem Nichts entstehen lassen musste“, so Gisela Seydel.

Ihre Gärtnerei führt sie immer noch. „Die Strapazen bis alles stand sind natürlich nicht vergessen, haben sich jedoch durchaus für uns alle gelohnt“, ist Gisela Seydel überzeugt.

Von Johanna Kaschik

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