Am 17. Juni eröffnen die Hersfelder Festspiele - Intendant Holk Freytag im Interview

„Nah ans Heute ranholen“

Ehrwürdiges Gemäuer: In der Bad Hersfelder Stiftsruine wird unter anderem „Der Name der Rose“ gespielt. Hier probieren Pyrotechniker Christoph Müller (links) und Intendant Holk Freytag Feuereffekte aus. Foto:  nh

bad hersfeld. Fechtkämpfe und Feuer, ein zaudernder Dänenprinz und ein detektivischer Mönchslehrling, Stars und junge Darstellergesichter erwarten die Besucher der Bad Hersfelder Festspiele ab dem 17. Juni. Intendant Holk Freytag will das Festival in seinem zweiten Jahr künstlerisch stärker profilieren und zugleich mit populären Stoffen punkten.

Sie haben für den prominenten Termin der Spielzeiteröffnung dieses Jahr ungewöhnlicherweise das Familienmusical gewählt. Warum?

Holk Freytag: Wir wollen deutlich machen, dass wir das für wichtig halten. „Dschungelbuch“ ist ein heiterer, schöner Stoff, den wir mit eigener Musik aufführen. Mir ist es ein Anliegen, jungen Menschen im Theater Weltliteratur zu zeigen. In Rudyard Kiplings Romanvorlage geht es um Verantwortung für die Natur.

Ihr Motto ist „Reise in die Gegenwart“. Was bedeutet das?

Freytag: Das ist als Paradox gemeint. Eine Reise in die Gegenwart kann es nicht geben, die Gegenwart ist ja Vergangenheit, wenn wir sie wahrnehmen.

Das prägnanteste Stück dazu ist das Musical „Sunset Boulevard“ mit Helen Schneider.

Freytag: Norma richtet sich darin in der Vergangenheit ein, die alternde Stummfilmdiva, die nicht wahrhaben will, dass sich die Welt geändert hat.

Was ist Ihnen an dem Stück wichtig?

Freytag: Es ist das letzte große Andrew-Lloyd-Webber-Musical, das wir noch machen dürfen, „Cats“ oder so bekommen wir nicht. Für mich ist es das beste Stück von Webber, was mit der Herkunft aus dem Film von Billy Wilder zu tun hat. Es ist musikalisch anspruchsvoll, ein fast durchkomponiertes Stück. Wir zeigen die Ungleichzeitigkeit der Generationen, ein junger Mann und die alte Diva begegnen sich kurz, das Auseinanderbrechen ihrer Beziehung hat dann tragische Züge.

In der Vergangenheit spielt auch „Der Name der Rose“, das Sie inszenieren.

Freytag: Ich sage immer, dieses Stück ist für die Stiftsruine geschrieben worden. Aber: Der Stoff ist für mich kein Krimi. Wir stellen uns die Aufgabe, die Zuschauer mit der Inszenierung von einer Lieblingsbeschäftigung wegzubringen: dem Krimigucken. Wir erzählen natürlich die Krimihandlung, aber ich will hauptsächlich herausarbeiten, wie Macht entsteht. Heute proben wir die Musik - auf der Bühne werden 20 Menschen Gregorianik singen.

Das Schauspiel hat es in letzter Zeit schwerer in Hersfeld. Wie stellen Sie sich mit Shakespeares „Hamlet“ darauf ein?

Freytag: Es gibt keinen Klassiker, der die aktuellen Empfindungen junger Menschen so gut auf den Punkt bringt. Für Hamlet läuft am königlichen Hof eigentlich alles prima, aber seine Generation hat keine Möglichkeit, auf herrschende Wertvorstellungen Einfluss zu nehmen. Das ist sehr aktuell, wir versuchen, das Stück so nah wie möglich, an das Heute heranzubringen. Jean-Claude Berutti inszeniert, und ich habe mit Klaus Figge den besten Fechtmeister der Welt.

Gefochten wird also, obwohl Sie das Stück ins Heute holen?

Freytag: Klar, eine Auseinandersetzung mit tödlichem Ausgang kann man hervorragend so zeigen - es gibt im Theater Symbole, die nicht modernisiert werden müssen.

Welche Erfahrungen nehmen Sie mit aus der künstlerischen Arbeit im letzten Jahr?

Freytag: Es ist wieder wie damals: Wir sind von der Probebühne in die Ruine umgezogen - und mussten alles wegwerfen, was wir bis dahin erarbeitet hatten. Gerade haben wir eine Lösung dafür gefunden, dass die Zuschauer in der Ruine schon drinsitzen, die Figuren im „Namen der Rose“ auf das Kloster aber erst zugehen.

Was müssen Sie noch lösen?

Freytag: Die Effekte. Wir haben festgestellt, dass wir die Bibliothek aus „Der Name der Rose“ nicht einfach die Ruine hineinbauen können. Das würde immer mickrig aussehen. Wir müssen stattdessen Bilder finden für die Bibliothek als geistigen Raum.

Sie wollen Hersfeld nach dem Besucherrückgang 2010 stärker profilieren. Wie?

Freytag: Es gibt so viele Festivals in Deutschland, überall, wo man an einer Dorflinde einen Scheinwerfer befestigen kann, wird gespielt. Davon müssen wir uns qualitativ abheben. Und mein Ehrgeiz ist, die Hersfelder Schauspieltradition fortzuschreiben, weil es in Deutschland gerade eine Verschiebung zugunsten des Musicals gibt.

Von Bettina Fraschke

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