Als ehrenamtlicher Suchthelfer hat Franz Reisinger viele Schicksale miterlebt

Der nächste Schritt

Er geht, aber nicht so ganz: Suchthelfer Franz Reisinger zieht sich aus der jahrelangen ehrenamtlichen Arbeit zurück. Die Prävention in den Schulen möchte er aber fortführen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit seiner eigenen Lebensgeschichte macht er dort auf die Gefahren des Alkohols aufmerksam. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. Unter Alkoholeinfluss gewalttätige Väter, verzweifelte Angehörige – als ehrenamtlicher Suchthelfer hat Franz Reisinger viele Schicksale miterlebt. Und auch aus seiner eigenen Abhängigkeit hat der 69-Jährige nie einen Hehl gemacht.

Im Gegenteil: der Weg in die Öffentlichkeit habe den Kontakt zu vielen Menschen, die Hilfe benötigten, geebnet, sagt er. Nach gut 15 Jahren möchte Reisinger nun allerdings kürzertreten und die ehrenamtliche Arbeit einschränken.

„Irgendwann kommt die Erkenntnis, einen Schnitt machen zu müssen“, erklärt der gebürtige Österreicher, den viele auch als sozial engagierten Autogrammsammler kennen. Gesundheitliche Probleme, aber auch der bevorstehende runde Geburtstag seien die Gründe für seinen Rückzug.

Zahlreiche Ratsuchende aus dem ganzen Kreis – Alte wie Junge, Männer wie Frauen – hat Reisinger in seiner Zeit als ehrenamtlicher Suchthelfer beraten und begleitet, etwa zum Arzt, zur Entgiftung oder zu Selbsthilfegruppen. „Die Abhängigkeit von Alkohol ist ein weit verbreitetes Problem“, weiß er aus Erfahrung. „Auch da, wo man es nicht vermutet.“

In den Schulen berichtet Reisinger seit vielen Jahren „vom ersten Rausch bis zur Abhängigkeit“, um den jungen Leuten zu zeigen, wo der Weg hinführen kann. Ohne etwas zu beschönigen erzählt er dort seine Geschichte und ist für alle Fragen offen.

Fast das Leben zerstört

„Ich bin Bad Hersfelds bekanntester trockener Alkoholiker“, sagt der rührige 69-Jährige und lacht. Dass der Alkohol in den 90er-Jahren wortwörtlich fast sein Leben zerstört hätte, mag man kaum glauben. Reisinger verlor seinen Job und hatte finanzielle Probleme, ein Selbstmordversuch endete im Klinikum, und rettete gleichzeitig sein Leben.

Nach der eigenen Therapie absolvierte der Wahl-Hersfelder, der 1990 der Arbeit wegen in die Kur- und Festspielstadt zog, bei der Diakonie die Ausbildung zum Suchthelfer. So sehr ihn die Schicksale der Ratsuchenden auch mitnehmen, für ihn sei diese Aufgabe auch Hilfe zur Selbsthilfe gewesen, berichtet Reisinger.

„Man muss jedem ohne Vorwurf begegnen“, lautete eines seiner Credos. Nur für eines hat der Suchthelfer kein Verständnis: Gewalt. „Dazu fehlen mir die Worte“, sagt Reisinger.

Ganz aufgeben will der Ruheständler die ehrenamtliche Arbeit übrigens nicht. Die Präventionsarbeit mit den Schülern, die ihm besonders am Herzen liegt, will er auch weiterhin fortführen. „Hier ist dringend Aufklärung nötig“, meint Reisinger, der in den kommenden Wochen wieder aktiv auf die Lehrer zugehen will. „Prävention ist der erste Schritt darauf hinzuweisen, was es heißt, abhängig zu werden“, sagt der 69-Jährige. Sein Dank gilt allen, die ihn in den vergangen Jahren unterstützt haben.

Von Nadine Maaz

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