Konzert mit unvollendet-vollendeten Chor- und Orchesterwerken von Mozart und Schubert

Musikalische Konfrontation

Kontrastprogramm in der Stadthalle: Der Bad Hersfelder Festspielchor und die Virtuosi Brunenses setzten sich mit unvollendeten und vollendeten Werken von Mozart und Schubert auseinander. Foto: von Trott

Bad Hersfeld. Als „Bruchstücke einer großen Konfession“ verstand Goethe sein dichterisches Schöpfertum und das geistige Menschenwerk überhaupt. Er heiligt damit auch das nicht Vollendete, das dennoch vollkommen werden kann und soll in der Wahrnehmung des Adressaten. Wie die beiden musikalischen Hauptwerke, die Prof. Siegfried Heinrich im Konzert zum 1. Advent in der gut besuchten Bad Hersfelder Stadthalle wirksam kontrastierte: Franz Schuberts „unvollendete“ Sinfonie h-Moll D 759 und Wolfgang Amadé Mozarts Messe c-Moll KV 427. Die beiden ganz jung gestorbenen Genies also mit Bruchstücken ihrer großen Konfession. Mit Juwelen, Solitären.

Dramatisch bewegt

Beide Werke sind, obwohl formal nicht zu Ende geführt, auf ihre Weise vollendet: Schuberts zwei sinfonische Sätze von je elf Minuten als einzigartige Ausprägung eines linearen, doch dramatisch bewegten und bewegenden orchestralen Klangkontinuums, als Eingangstor zu jener Musikdramatik und Sinfonik (Wagner, Bruckner, Brahms, Mahler), die man später als Manifestation einer Kunstreligion feierte. Mozarts fragmentarische Messe als Höhepunkt des opernhaften, mehr noch des konzertanten Prinzips in der geistlichen Musik.

Solcher Konfrontation kam entgegen, dass Siegfried Heinrichs dirigentisches Profil stets die formale und inhaltliche Abrundung sucht, auf logisch-spannungsvolle Entwicklung und lösende, erlösende Schlusswirkung dringt. So auch hier. Sein Gastorchester, die Virtuosi Brunenses aus Brünn, vermag bei kleiner Besetzung (nur ein Kontrabass) beinahe wie von selbst den instrumentalen Fluss transparent und schmiegsam zu halten - mit um so prägnanteren Steigerungen und Aufbrüchen und mit solistischen Glanzlichtern bei den Holzbläsern (Oboe, Flöte, Klarinette, Fagott).

Mozart fordert den Chor über eine knappe Stunde ebenso dauerhaft wie vielfältig. Bei den gut 100 Sängern des Festspielchores will da ein solch hohes Maß an feinnerviger bis machtvoller Durchgestaltung, Auflichtung und Präzisierung des polyphonen Satzes eine Menge bedeuten. Typisch Heinrich’sche Lesarten ergaben sich im großartigen „Qui tollis peccata mundi“ (Synkopen auf „miserere“) und in der markant und zügig gesteigerten Fuge „Cum sancto spiritu“.

Aber Mozart verlangt noch mehr – von den Solisten. Während die beiden Herren bloß solide Mitläufer zu sein haben und Sebastian Kohlhepp (Tenor) wie Florian Kresser (Bass) hier zusätzlich mit den gregorianischen Intonationen des Gloria und Credo bedacht wurden, gilt für die beiden Damen das Mozart’sche Nonplusultra, besonders für die 1. Sopranistin. Man darf behaupten, dass es heute auf der Welt keine Sängerin gibt, die die extremen Höhenzonen wie das vokalartistische und expressive Universum speziell der „Et incarnatus“-Arie auf der Idealspur durchwandert.

Olivia Ohl-Szulik, in der sommerlichen „Zauberflöte“ dabei, erreicht manches an Reinheit, Rasanz, Flexibilität. Ihr fehlt, so widersprüchlich es scheint, bei aller Akrobatik die innere Ruhe, die Fähigkeit zum großen Bogen über alle Abgründe, ein wenig auch die Fraulichkeit im bloßen Funktionieren.

Vorzüglich gewichtet

So konnte Barbara Schmidt-Gaden (Sopran II) mit der zwischen Beredsamkeit und Leuchtkraft vorzüglich gewichteten „Laudamus te“- Arie zur heimlichen Primadonna werden. Zumal sie auch persönlichkeitsstark und sprechintensiv den Solopart der Kantate „Si vis pacem, evita bellum“ (Wenn du Frieden willst, vermeide den Krieg) des Dresdner Komponisten Lothar Voigtländer ausfüllte.

Das appellative, klanglich eher sparsame Zehnminuten-Stück war im Stiftsruinen-Sommer uraufgeführt worden und mahnte nun zwischen Schubert und Mozart passend die Friedensbitte an, die in Mozarts Messentorso ja fehlt. Allenthalben Applaus für so viel programmatisches und interpretatorisches Gelingen.

Von Siegfried Weyh

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