Sebastian Bethge ist Bezirkskantor – Seine Arbeit ist für ihn eine Leidenschaft

Musik als Liebeserklärung

Arbeitsort und Musikinstrument: Bezirkskantor Sebastian Bethge neben Orgelpfeifen in der Stadtkirche Bad Hersfeld. Auch wenn keine Gottesdienste stattfinden, trifft man ihn hier. Fotos: von Polier

Bad Hersfeld. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal Kirchenmusiker werde“, sagt Sebastian Bethge. Der 32-Jährige ist seit dem Jahr 2011 Bezirkskantor und Kantor an der Stadtkirche und damit für alles zuständig, was mit Kirchenmusik zu tun hat. Schon als Kind bekam er Klavierunterricht, wollte aber lange Zeit Pfarrer werden. Das hat ihm damals ein befreundeter Pfarrer geraten, da Arbeitsstellen für Kirchenmusiker rar gewesen seien. „Jetzt bin ich immerhin im gleichen Laden geblieben“, sagt er lachend.

Wenn er über seine Musik redet, dann lässt er schwärmerische Blicke aus blauen Augen durch den Raum fliegen, die erst Halt machen, als Bethge den Gedanken zu Tage zu fördert, dass er nur sehr ungern Musik aus der „Konserve“ hört. Damit meint er Stereoanlagen und Computer. „Das ist, als würde man sich die Liebeserklärung der Freundin auf Kassette anhören. Das ist viel zu steril und es fehlen alle Emotionen.“ Ein musikalisches Erlebnis braucht ein Gegenüber, findet er.

Tiefe Emotionen

Sein Leben ist von Musik geprägt. Geboren wurde Bethge im niedersächsischen Nordenham, er hat Kirchenmusik und Orgel in Lübeck, Lyon und Stuttgart studiert. Er betrachtet sich in der Stadtkirche als Kulturschaffenden. Dort spielt er nicht nur Orgel, sondern organisiert Konzerte, leitet einen Erwachsenen- und Kinderchor und gibt Orgel-Unterricht. Die Religion nimmt er als festen Bestandteil seiner Arbeit in der Kirche wahr. „Ich denke, man kann den Beruf nicht ausführen, wenn man nicht gläubig ist“, sagt er überzeugt. „Mir ist es auch ein Rätsel, wie man sonst die tiefen Emotionen der Kirchenmusik ohne diesen Aspekt ehrlich rüberbringen will.“

Emotionen sind ihm bei seiner Arbeit sehr wichtig. „Musik ist heutzutage zu einem Hintergrundgeräusch verkommen, oft achtet man gar nicht mehr darauf. Wenn ich die Möglichkeit habe, dann höre ich mir ein Konzert an“, sagt er. Auch er selbst gibt Konzerte. Häufig spielt er dann Stücke, die er für die Orgel umgeschrieben hat, weil sie ursprünglich für Klaviere komponiert wurden. Wenn er Stücke komponiert, dann oftmals für die Chöre, die er leitet, „weil Noten häufig sehr teuer sind“, sagt er. Er wolle das Komponieren aber eigentlich lieber wirklich guten Komponisten überlassen. Das ist Bescheidenheit.

Wahnsinnig viel üben

Denn wenn Bethge an der Orgel sitzt, spielt er mit der Präzision und Schnelligkeit einer Maschine, ruft aus dem Kopf zufällig zusammengestellte Melodien ab und gleichzeitig wirbeln seine Füße über Pedale, die er sogar über Kreuz bedienen kann. Ein guter Organist zu sein, habe weniger mit Talent als mit viel Arbeit zu tun, glaubt er. Talent würde in unserem Sprachgebrauch ohnehin überschätzt. Egal, ob talentiert oder nicht: „Man muss wahnsinnig viel üben.“

Neben der Musik schlägt sein Herz für ein ungewöhnliches Hobby. Mindestens ebenso leidenschaftlich wie als Musiker, ist Bethge als Segelflieger. „Urlaub mache ich nie ohne das Flugzeug“, sagt er, ungefähr 100 Stunden fliegt er pro Jahr. Die längste Strecke, die er in der Luft verbracht hat, waren 700 Kilometer, das hat insgesamt zehn Stunden gedauert. Das Segelfliegen hat ihm sein Vater schmackhaft gemacht, der selbst leidenschaftlicher Flieger war. Und so ist die Luftfahrt die einzige Branche, die Bethge sich vorstellen könnte, wenn er an einen anderen Job denkt. Aber das komme nicht in Frage, sagt er: „Dafür mag ich meine Arbeit zu sehr.“ Hintergrund

Von Jürgen von Polier

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