Russlanddeutsche Natalja Martens hat in Bad Hersfeld ihre zweite Heimat gefunden

Musik zum Leben

Natalja Martens mit ihrem Klavierschüler Nico Treibert, der seit fünf Jahren gern zu ihr in den Unterricht geht. Foto: Martina Selzer

bad hersfeld. Natalja Martens lebt seit 1991 in Deutschland. Sie ist Russlanddeutsche und kam zusammen mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in einer der ersten Einwanderungswellen vom Uralgebirge ins Lager Friedland.

Voller Hoffnung

31 Jahre war sie damals alt und voller Hoffnung auf das kleine Land Deutschland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion - wie viele andere auch, die als Nachfahren der vor über zweihundert Jahren in den Ural, nach Kasachstan und in die Wolgarepublik gezogenen Deutschen wieder zurückkamen. Katharina die Große hatte deutschen Familien damals vieles versprochen, was sie in Deutschland nicht fanden, um die weiten Flächen zu besiedeln: eigenes Land, Religionsfreiheit und die Befreiung vom Militärdienst. Die Deutschen galten als fleißig und zielstrebig.

„Meine Großmutter sprach nur gebrochen Russisch, in den Dörfern war lange Zeit noch Deutsch die Hauptsprache“, erzählt Natalja. Das änderte sich mit dem Stalinismus; auch mit der Religionsfreiheit war es dann nicht mehr weit her. Nach dem Krieg standen viele der deutschen Siedlungen unter russischer Kommandantur und es war den deutschstämmigen Russen nicht erlaubt, ihr Heimatdorf zu verlassen. Die deutsche Sprache und die Religion, wegen deren freier Ausübung die Generationen vor ihnen ins Land gekommen waren, wurden weitgehend unterdrückt, viele kamen ins Gefängnis, die sich an die Verbote nicht halten wollten.

Musikalische Ausbildung

Doch es gibt auch etwas, was Natalja dem sowjetischen Staat verdankt: Eine gründliche und langjährige musikalische Ausbildung, die mit ihrem sechsten Lebensjahr begann. „Das war zwar nicht selbstverständlich, sondern vor allem auf die Bemühungen meiner Eltern zurückzuführen, doch wäre eine Ausbildung, wie ich sie bekommen habe, in Deutschland wahrscheinlich gar nicht bezahlbar“, sagt sie. Viermal die Woche theoretischer und Instrumentalunterricht an Klavier und Geige schon im Grundschulalter, dies über zweimal sieben Jahre, mit regelrechten Prüfungen nach jedem Halbjahr führten zu einem Können und Wissen, das auch in Deutschland anerkannt wurde und es ihr ermöglicht, hier vom Musikunterricht zu leben.

Den Eltern dankbar

Noch heute ist sie ihren Eltern dankbar dafür, dass sie diesen Weg einschlagen durfte. „Mein Vater sah, welche harte Arbeit viele Frauen in den Fabriken leisten mussten, und wollte mir den Weg zu einem einfacheren Leben ebnen.“ Viele Kolleginnen mit ähnlicher Geschichte sorgen im Kreis Hersfeld dafür, dass Chöre und Gesangvereine weiter betrieben werden können.

Von Martina Selzer

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