Kantoreikonzert unter Sebastian Bethge: Ein Hoch auf Beethoven und seine Ausführenden

Musik, die Existenzfragen löst

Die Landeskapelle Eisenach und die Hersfelder Kantorei gestalteten gemeinsam ein Konzert in der Stadtkirche. Foto: Jansen

Bad Hersfeld. Beethoven hat es in sich. Nicht bloß die Fünfte und die Neunte, sondern auch die Zweite. Mit dieser Sinfonie D-Dur op. 36 begann das Kantoreikonzert am Sonntag in der gut, doch nicht voll besetzten Bad Hersfelder Stadtkirche. Mit der Messe C-Dur op. 86 endete es. Ein Fest der Tonalität, der orchestralen und vokalen Hochstimmung, auch der des hörenden Bewusstseins. Die beiden Werke der Jahre 1803 und 1807 stehen für Beethovens mittlere Schaffensjahre. Da begehrte er auf gegen Konventionen des Komponierens und wurde zum selbstbestimmten, aufklärerischen Musiker.

In kaum erwartbarem Maß zeigte die Landeskapelle Eisenach, dass Beethoven es hier in sich hat, dass er ein barsches, schlagfertiges, aber auch präzises, hellwaches Zufassen verträgt. Das hatten die lediglich 14 Streicher, und die Bläser fügten warme, geschmeidige Tönungen hinzu. Ein Traditionsorchester im besten Sinn, das dennoch zum Auslaufmodell zu werden droht. Hier in Bad Hersfeld, wo ein Stück weit die Existenzfrage musikalisch gelöst wurde, will man künftig öfters mit der Kantorei zusammenarbeiten.

Sebastian Bethge, der Kantor, offenbarte, auswendig dirigierend, viel Verständnis für das klassische Sinfoniekonzept und für den autonomen Orchesterverbund. Er musizierte tempo- und spannungsreich, hätte höchstens die herrlichen melodischen Gestalten des langsamen Satzes ein wenig plastischer formen können.

Einen ähnlich belebten, schwungvollen Eindruck vermittelte die C-Dur-Messe, die freilich stets eine Vorstufe des Chorfinales der Neunten Sinfonie und der Missa solemnis bleiben muss. Jedenfalls bestand die Hersfelder Kantorei mit etwa 50 Sängern in diesen 45 Minuten mühelos die Herausforderungen an Agilität, Ebenmaß, Tiefenschärfe und Sopran-Höhenlage. Das Solistenquartett Anna Nesyba (Sopran), Hildegard Rützel (Alt), Florian Brauer (Tenor) und Peter Schüler (Bass) darf sich hier nur bescheiden und zumeist im Ensemble ausleben, tat dies aber mit Lust und solider vokaler Kultur.

Intermezzo am Rande

Als Intermezzo am Rande der Stille mochte man das Zwölf-Minuten-Stück „Voice and Instruments 2“ des US-Amerikaners Morton Feldman (1926-87) in der Version für Stimme, Klarinette, Violoncello und Kontrabass von 1974 nicht missen. Hildegard Rützel intonierte ihre Vokalisen genau und geschmackvoll, die drei Solisten der Landeskapelle antworteten sensibel, und die Akustik der Stadtkirche spielte hier wie sonst hervorragend mit. Intensiver Beifall.

Von Siegfried Weyh

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