Wiederum ergreifend: Chorverein führt Karl Jenkins’ Stabat-mater-Vertonung auf

Nur Mütter trauern so

Chorverein, Solisten und Frankfurter Sinfoniker begeisterten in der Stadtkirche mit dem 95. Psalm von Felix Mendelssohn-Bartholdy und Karl Jenkins „Stabat mater“. Fotos: Sennewald

Bad Hersfeld. Nur bestätigen lässt sich, was hier vor einem Jahr über dasselbe Werk zu lesen war: „Für Karl Jenkins’ 70-minütige Stabat-mater-Vertonung von 2008 leisteten in der Bad Hersfelder Erstaufführung Helgo Hahn und der von ihm geleitete Chorverein … machtvolle Überzeugungsarbeit.“ Nun also am Volkstrauertag die Reprise, und erneut war ein breites, am Ende begeistertes Publikum in der Stadtkirche berührt und überzeugt von dieser packenden spirituellen Gegenwartsmusik und den Taten ihrer Interpreten.

Monumentale Liturgie

Helgo Hahn, der engagierte Dirigent, mochte sich gedacht haben, bevor dieser Jenkins aus Wales (geboren 1944) mit dem nächsten Hit herausrückt, sollte dieser im Hörbewusstsein der Musiker und überhaupt der öffentlichen Wahrnehmung verankert werden. Jedenfalls hat der Chor das grandiose Werk aus zwölf Teilen – nur an zweien ist er nicht beteiligt – inzwischen so stark verinnerlicht, dass das Ganze wie ein überaus wort- und klangstarkes Bekenntnis wirkte. Dabei festigte sich der Eindruck einer monumentalen Liturgie, also einer gottesdienstlichen Handlungs- und Erlebniseinheit, wie sie allsonntäglich vielfältig gegliedert zwischen demütiger Gottesanrufung und inständiger Friedensbitte wahrzunehmen ist.

Im Konzert leistete der Chorverein einen musikalisch so melodieschönen, sensiblen, appellativen, ja identifikatorischen Nachvollzug, dass man als Hörer geradezu einstimmen mochte. Wobei klar ist, dass die Komposition mit ihrer Trauerthematik (der Mutter Jesu unter dem Kreuz) und mit ihrer Anmutung zwischen barocker Chaconne und Gospelsong, zwischen Palestrina und den Beatles es den Sängern leicht macht zu glänzen. Auch diesmal war Susanne Schimmack die Mezzosopran-Solistin, und wieder verlieh sie der zu Maria Betenden, der hingebungsvoll Trauernden innige und intensive, substanzvolle und suggestive, ja prophetische Töne. Die Frankfurter Sinfoniker, groß besetzt hin zu je drei Trompeten und Posaunen und vier Schlagwerkern, schufen eine sichere und animierende, in den rhythmischen Ostinato- und dynamischen Steigerungspartien schier überwältigende Klangbasis.

Helgo Hahn hat offenbar ein Faible für den „kleinen“ Mendelssohn abseits der beiden Oratorien „Paulus“ und Elias“. Diesmal offerierte er den Psalm 95 op. 46 „Kommt, lasst uns anbeten“ als knapp halbstündiges wohlgeformtes und zielsicheres Vorspiel zum Jenkins-Opus. Hier demonstrierten der Chor seine achtbaren kontrapunktischen sowie Michael Suttner (Tenor), Katharina Leyhe (Sopran) und wiederum Susanne Schimmack ihre vitalen solistischen Vokalqualitäten.

Von Siegfried Weyh

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