Der Vorsitzende des Bad Hersfelder Ausländerbeirats zum Islam, Pressefreiheit und Integration

Yalcin Solak im Interview: "Müssen Ängste abbauen"

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Neuer Vorsitzender des Ausländerbeirats Bad Hersfeld: Yalcin Solak im Büro des Beirats.

Bad Hersfeld. Menschen aus über 60 Nationalitäten leben in Bad Hersfeld. Yalcin Solak ist seit kurzem neuer Vorsitzender des Ausländerbeirats. Wir haben mit ihm über die Angst vor dem Islam, die Kritik an der türkischen Regierung und die Aufgaben des Beirats gesprochen.

Der Islam ist vor allem seit den Terroranschlägen in Europa für viele ein rotes Tuch. Die Afd will nun Moscheen in Deutschland verbieten. Bekommen Sie diese Angst zu spüren? 

Yalcin Solak: Eine solche Islamophobie gibt es schon lange. Auch die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA haben dazu geführt. Leider haben wir es bisher nicht geschafft, das zu ändern.

Eigentlich sollte man aus der Geschichte doch lernen und Minderheiten beziehungsweise andere Religionen nicht abwerten oder diskriminieren. Die türkisch-islamische Gemeinde hat auch schon Drohbriefe bekommen, das bedrückt uns sehr.

Angst herrscht auf der anderen Seite aber auch bei den Muslimen selbst, die sich falsch beurteilt fühlen und den Krieg in vielen islamischen Ländern verurteilen und fürchten. Dabei sind die Terroristen, die im Namen Gottes töten, für uns gar keine Moslems. Es heißt, wer einen Menschen tötet, tötet die ganze Menschheit. Das hat nichts mit dem Islam zu tun.

Auch die Erdogan-Regierung in der Türkei steht in der Kritik – zuletzt wegen Einschränkungen der Pressefreiheit. Wie bewerten Sie das? 

Solak: Jedes Medium sollte berichten, was es denkt, dabei aber sachlich bleiben und niemanden beleidigen. Auch ich kann über Satire lachen, aber sie sollte nicht unter die Gürtellinie gehen. Das, was sich Jan Böhmermann und das ZDF erlaubt haben, kränkt viele Muslime in Deutschland.

Vor einem Staatsmann wie Erdogan sollte man Respekt haben. Wir können stolz auf ihn sein, er hat die Türkei vorangebracht. Wir würden doch auch nicht Angela Merkel oder Barack Obama beleidigen, so etwas gehört sich nicht.

Wie kann das Zusammenleben zwischen unterschiedlichen Religionen auch im Landkreis funktionieren? 

Solak: Man muss aufeinander zugehen und zusammenarbeiten, sich austauschen und auch zusammen feiern. Wie beim Kulturfest auf der Hohen Luft zum Beispiel. Wir leben leider aneinander vorbei, jeder lebt in seiner eigenen Welt. Es wird oft gesagt, die Immigranten können sich nicht integrieren, aber das sehe ich anders. Man muss sich gegenseitig die Chance geben, sich zu integrieren – die Ängste vor dem Fremden abbauen.

Ein wichtiger Punkt ist natürlich die Sprache und eine neue Sprache zu lernen heißt ja auch nicht, seine Muttersprache aufgeben zu müssen.

Integration bedeutet immer auch aufeinanderzuzugehen. Ich fände es zum Beispiel nicht gut Kopftücher zu verbieten. Auch ein Burka-Verbot fände ich äußerst unpassend, da es in Deutschland Religionsfreiheit gibt. Trotzdem muss man sich in Deutschland und Europa an die Gegebenheiten anpassen und sollte nicht das Gesicht komplett bedecken.

Sie sind seit kurzem Vorsitzender des Ausländerbeirats, in dem mehrheitlich Muslime vertreten sind, der aber für alle Migranten da sein möchte. Was haben Sie sich vorgenommen? 

Solak: In Bad Hersfeld leben über 60 Nationalitäten. Es ist ein großer Spagat alle unter einen Hut zu bringen. Wir möchten zu mehr Zusammenleben beitragen. Wir wollen den Austausch und die Kooperation mit der Stadt, den Parteien, Schulen, Kirchen, Vereinen und Unternehmen verstärken. In der Feuerwehr sind zum Beispiel bislang nur sehr wenig Migranten vertreten, dabei wird Nachwuchs für den Brandschutz immer gesucht.

Auch ein runder Tisch, der sich regelmäßig oder bei Bedarf trifft, wäre wünschenswert. Ebenso ein größerer Raum für den Ausländerbeirat, der dann auch als Begegnungsstätte dienen könnte.

Die Wahlbeteiligung für den Ausländerbeirat ist meist gering. Warum braucht es überhaupt einen solchen Beirat? 

Solak: Wir wollen bei Problemen, Sorgen und Nöten oder Fragen Ansprechpartner für Ausländer wie Nicht-Ausländer sein. Der Beirat ist durchaus eine wichtige Sache. Ich habe selbst schon negative Erfahrungen am Arbeitsplatz gemacht, wo ich der einzige Türke und Moslem war.

Um die Akzeptanz und das Wissen um den Ausländerbeirat zu erhöhen, müssen wir wieder mehr in der Öffentlichkeit auftreten. Beim Sommerfest der Kulturen in der Bad Hersfelder Breitenstraße werden wir am 21. Mai zum Beispiel mit einem Infostand vertreten sein, um unsere Arbeit vorzustellen. 2020, wenn der Beirat wieder gewählt wird, gibt es dann hoffentlich eine größere Beteiligung.

Der Türkisch-Islamische Kulturverein, dem Sie angehören, wollte zuletzt eine neue, größere Moschee bauen. Was ist aus diesen Plänen geworden? 

Solak: Alles was wir uns in Absprache mit der Stadt angeschaut haben, war entweder zu klein, zu teuer oder von der Lage her zu schlecht. Nun ist die Idee wieder aufgekommen, hinter dem bestehenden Gebäude an der Dudenstraße einen Anbau zu errichten, der als Begegnungsstätte genutzt werden könnte. Pläne dafür gab es vor einigen Jahren schon mal. Konkret ist allerdings noch nichts.

Zur Person:

Yalcin Solak ist 48 Jahre alt und im türkischen Aksaray, circa 200 Kilometer südlich von Ankara, geboren worden. 1975 kam er mit seinen Eltern und Geschwistern nach Deutschland, wo die Familie zunächst in Hannover lebte. 1988 kam Solak in die Region. Seit 2013 lebt der gelernte Industriemechaniker in Bad Hersfeld. Er ist verheiratet, hat eine Tochter, einen Sohn und ein Enkelkind. Solak hat die türkische Staatsbürgerschaft, er ist Mitglied im Islamisch-Türkischen Kulturverein Bad Hersfeld und war dort von 2011 bis 2013 auch Vorsitzender. In Heimboldshausen hat der 48-Jährige zehn Jahre lang Fußball gespielt, außerdem war er als Jugendtrainer aktiv.

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