Kabarettist Gerd Dudenhöffer erklärte als Heinz Becker die Zeitgeschichte

Er motzte munter drauflos

Verwandelt: Gerd Dudenhöffer in Aktion als Heinz Becker. Foto: nh

Bad Hersfeld. Heinz Becker sei eine „Geburt der späten Gnade“ gewesen, erzählte Gerd Dudenhöffer in seiner Paraderolle des Heinz am Freitagabend in der Stadthalle gewohnt leger mit Hosenträgern und „Kapp“ auf der Bühne sitzend. Diese Wortverdrehung eines von Helmut Kohl geprägten Ausspruchs war eine der ersten geschichtlichen Anspielungen in seinem Programm „Vita. Chronik eines Stillstandes“. Es sollten noch einige folgen, denn die Zuschauer bekamen die deutsche Nachkriegsgeschichte einmal anders, nämlich im Schnelldurchgang aus der Sicht des Heinz Becker präsentiert.

Mit dieser Bühnenfigur schuf sich Dudenhöffer ein Sprachrohr, alle erdenklichen, engstirnigen Meinungen des Spießbürgertums zum Besten zu geben. Über dummes Geschwätz anderer lacht es sich ja besonders gut. Die Masche zog auch diesmal, denn das Publikum war schon nach kürzester Zeit in bester Lachlaune. Das Spiel, geschickt Nähe und Distanz zum Publikum aufzubauen, gelang dem Kabarettisten Dudenhöffer gut. „Meint der das nun wirklich oder nicht“, fragte man sich. Dudenhöffer selbst lachte nie. Trocken servierte er das Programm, nur manchmal sackte ihm die Kinnlade herunter. Wer, was, wann, wie, mit wem und warum in seiner Familie gesagt und getan hat, war der Inhalt des zweistündigen Programms inklusive Pause.

Heinz schwafelt und labert

Heinz schwafelt. Und wenn er nicht schwafelt, labert er. In seinem Leben ist nicht viel passiert. Es wird auch nicht mehr viel passieren, deshalb passt die Bezeichnung „Stillstand“ im Titel. Heinz wird nichts dazu lernen, aber er wird weiterhin zu allem eine Meinung haben. Die Zuschauer wissen nun, dass seine Kommunionsuhr verschwunden ist, er seinen Sohn einen Tag vor Hitlers Geburtstag hat taufen lassen, sich Onkel und Tante scheiden ließen wegen der mit Leberwurst gefüllten Klöße und dass er seine Hilde am Tag der Notstandsgesetze kennengelernt hat.

Glücklich ist er nicht, der Heinz. So richtig wohl fühlt er sich nur, wenn er munter vor sich hin motzen kann. Er ist ein politischer Kleingeist, den die Plattitüden seiner Eltern geprägt haben. „Sind wir ein Willkommensland?“, fragte er sich. „Ei joo, denn der Flüchtling, der will komme.“ Das sei wie mit dem Baustellenschild „Vielen Dank für ihr Verständnis“. Denn: „Gefragt wird man doch gar nicht.“ Wo kämen denn die Ängste der Menschen her? „Aus Syrien, der Türkei und Tunesien.“ Und dann gibt er noch den Rat seines Vaters weiter: „Halte dich aus allem raus, dann kann dich keiner reinziehen.“

Er schlug vor, dass der Papst sich mit dem anderen Religionsführer, dem „Islamabad“, treffen solle, so wie sich die Aldi-Brüder auch nicht die Apfelsinen aus den Regalen gesprengt und sich verständigt hätten. „Die Realität ist in Wirklichkeit oft nur eine Illusion“, wusste er am Ende.

Exzellenter Sprachakrobat

Dudenhöffer ist ein exzellenter Sprachakrobat. Er verdreht Begrifflichkeiten und spielt mit Doppeldeutigkeiten. Zum Schluss las er eigene, geschliffene formulierte Kurztexte und Gedichte vor. Eins trug den Titel „Kunst muss auch manchmal wehtun.“ Und dann war er schnell hinter der Bühne verschwunden, obwohl das Publikum ihm noch gerne weiter applaudiert hätte.

Von Vera Hettenhausen

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