... auf dem Gipfel des Glücks: Wie die „Carmen“ ihre neue Rolle als Mutter erlebt

La Montanaro...

Bad Hersfeld. Ihre neue Rolle ist wohl auch die schönste. Anna Montanaro war die Sally Bowles in Cabaret, die Maria-Magdalena in Jesus-Christ, Sex-Bombe Marilyn, Vamp Velma Kelly und Evita. Jetzt ist Anna Montanaro Mutter.

Zwei mal pro Nacht wird sie von ihrer drei Monate alten Tochter Marlene geweckt. Trotzdem sitzt Anna Montanaro hellwach und überpünktlich zum Interview in der Festspielkantine. „Ich weiß auch nicht, wo ich die Kraft hernehme“, sagt sie, „wahrscheinlich kommt sie durch das Lächeln meiner Tochter“.

Ohne Mutter geht es nicht

Tagsüber betreut Großmutter Montanaro ihr Enkelkind, während Anna auf der Probenbühne steht. „Ein Glück, dass meine Mutter da ist.“ Annas Ehemann, Musical-Macher Maik Klokow, besucht Frau und Tochter so oft es geht.

„Er hat immer gesagt, ich muss das machen“, erzählt Anna Montanaro, die schon vor über einem Jahr für die Rolle der Carmen im „deutschen Musical“ verpflichtet wurde. „Es braucht halt nur etwas mehr Organisation mit Baby“.

Und wohl auch Energie. Denn als Carmen muss sie mehr als zwei Stunden auf der Bühne singen, tanzen und schauspielern. „Eigentlich wollte ich Heidi-Klum-mäßig nach sechs Wochen voll in Form sein, aber das ist gar nicht so leicht“, lacht Anna Montanaro.

Sturmfest und erdverwachsen – so beschreiben sich die Niedersachsen. Und so ist auch Anna Montanaro. Doch wie schafft es die Tochter eines italienischen Pizzabäckers aus Gifhorn – nun wirklich keine glitzernde Musical-Metropole – an den Broadway?

Anna Montanaro lacht schallend und feuert dann einen ihrer 1000-Volt-Blicke auf den Reporter ab. „Mein Papa kann gar nicht Pizza backen“. Wohl aber haben die Montanaros ein italienisches Restaurant in dem verschlafenen Städtchen. Von dort zog die damals erst 16-jährige Anna einst nach Hamburg, um die Bretter, die die Welt bedeuten, zu erobern.

„Jeder erreicht, was er verdient“, sagt sie. „Von Glück halte ich nicht viel“. Aber Talent, Ehrgeiz und Bescheidenheit gehörten dazu. Anfangs wurde Anna Montanaro immer wieder mit Ute Lemper oder Hildegard Knef verglichen – den anderen beiden deutschen Super-Stars, die je am Broadway eine Hauptrolle spielten.

„Ich werde schon lange nicht mehr mit Ute Lemper verglichen“, sagt Anna Montanaro, stützt das Gesicht in die Hand und fixiert ihr Gegenüber mit blauen Katzenaugen, als wagte er dies in Frage zu stellen. Denn der Name Montanaro strahlt längst ebenso hell am Musicalhimmel. Sie muss nicht mehr durch die Tretmühle der Auditions und hat eine Chorus-Line-artige Karriere gemacht.

Aber Anna Montanaro versteht sich nicht als Star. „Ich weiß nicht so genau, was das bedeutet. Darf man sich so nennen, nur weil man am Broadway oder im Londoner Westend gespielt hat?“ Abheben gehöre nicht zu ihrem Charakter. Und der Vamp, die Diva, das Vollweib – „das hat wenig mit mir zu tun, das sind nur Rollen.“

Die schönste Bühne der Welt

Vielleicht liegt es an ihrer Bodenständigkeit, dass Anna Montanaro nun schon zum vierten Mal nach Bad Hersfeld kommt. Sie mag die Atmosphäre der Stadt – „man trifft sich hier einfach“ – und liebt die Stiftsruine. „Es gibt keine schönere Bühne auf dieser Welt“, sagt sie mit diesem verzaubernden Lächeln für das man sie – Star hin oder her – dann doch einfach ein klein-wenig anhimmeln muss.

Von Kai A. Struthoff

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