Montagsinterview mit der kanadischen Botschafterin Marie Gervais-Vidricaire über Auswanderung, Integration und Handel

„Deutschland und Kanada sind starke Partner“

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Kanadische Offenheit gepaart mit französischem Temperament: Kanadas Botschafterin in Deutschland, Marie Gervais-Vidricaire, beim Interview mit unserer Zeitung in Bad Hersfeld.

BAD HERSFELD. Die kanadische Botschafterin Marie Gervais- Vidricaire war Ehrengast bei der Tagung der Deutsch-Kanadischen- Gesellschaft am Wochenende in Bad Hersfeld. Dabei sprach die Botschafterin mit Kai A. Struthoff.

Frau Botschafterin, mehrere tausend Deutsche wandern jedes Jahr nach Kanada aus, und noch viele mehr verbringen ihren Urlaub dort. Warum ist Kanada für uns so ein Traumland?

MARIE GERVAIS-VIDRICAIRE: Es gibt einfach viel zu sehen bei uns! Die Deutschen lieben die Weite der kanadischen Landschaft und die unberührte Natur. Hinzu kommt, dass unsere Städte sehr dynamisch sind und voller Kultur. Außerdem haben zehn Prozent der Kanadier deutsche Wurzeln. Wir haben rund 34 Millionen Einwohner und über drei Millionen davon haben so eine direkte Beziehung zu Deutschland.

Früher träumten Auswanderer davon, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen. Wie realistisch ist dieser Traum im heutigen Kanada? 

GERVAIS-VIDRICAIRE: Das gelingt sicher nicht jedem, aber Kanada bietet viele Chancen. Wir legen besonderen Wert auf gute Bildung. Und wenn jemand klug ist und zudem bereit, fleißig zu studieren und zu arbeiten, dann ist bei uns fast alles möglich.

In Deutschland wird viel über so genannte Armuts- Flüchtlinge speziell aus Süd- Ost-Europa diskutiert. Manche glauben, sie kämen hierher, um unser gutes Sozialsystem auszunutzen. Gibt es solche Befürchtungen auch in Kanada?

GERVAIS-VIDRICAIRE: Kanada nimmt jedes Jahr rund 200 000 Einwanderer auf – davon sind 30 000 Flüchtlinge aus politischen oder humanitären Gründen. Bei ihrer Aufnahme arbeitet Kanada eng mit den Vereinten Nationen zusammen. Natürlich sind bei uns die geografischen Gegebenheiten anders als in Europa mit seinen vielen Grenzen. Aber Flüchtlinge  sind bei uns akzeptiert. Es gibt keine Neid-Debatten. Schließlich hat Einwanderung bei uns eine lange Tradition.

Während die USA als „Metingpot“ gelten, in dem Einwanderer verschmelzen, setzt Kanada mehr auf die multi-kulturelle Gesellschaft. Wie geht das?

GERVAIS-VIDRICAIRE: Wir glauben daran, dass Menschen mit ihrem jeweiligen kulturellen Hintergrund unser Land bereichern. Wir erlauben den Zuwanderern, ihre Kultur zu behalten, sie sollen sich aber gleichzeitig integrieren. Wir legen deshalb großen Wert darauf, dass jeder Zuwanderer eine oder beide unserer Amtssprachen beherrscht. 

In Deutschland gibt es „Parallel- Gesellschaften“ von Zuwanderern, die auch nach vielen Jahren nicht unsere Sprache sprechen, weil sie es auch nicht müssen. Gibt es so etwas auch in Kanada?

GERVAIS-VIDRICAIRE: Wir haben keine Parallel-Gesellschaften, dafür aber sehr lebendige kulturelle Gemeinschaften. Ich glaube, Deutschland und Kanada können auf diesem Gebiet noch voneinander lernen, denn auch hier werden ja viele Anstrengungen für die Integration unternommen. Kanada ist sicher auch noch nicht perfekt, aber ziemlich erfolgreich. Die ethnische Vielfalt ist Teil der kanadischen Geschichte. Für uns gehört daher die stete Suche nach Kompromissen zu unserer Lebensphilosophie.

An diesem Wochenende wurde ein neues EU-Parlament gewählt. Hat man in Kanada Angst vor diesem auch wirtschaftlich immer stärker werdenden Staatenbund?

GERVAIS-VIDRICAIRE: Überhaupt nicht! Unser großes gemeinsames Projekt ist das Freihandels- Abkommen der EUmit Kanada, das kurz vor der Verabschiedung steht. Deutschland hat das Zustandekommen des Abkommens sehr unterstützt. Von diesem Freihandelsabkommen werden beide Seiten gleichermaßen profitieren. Studien gehen davon aus, dass der Handel dank des Abkommens um 26 Milliarden Euro zunehmen wird. Zudem stärkt es auch die Freizügigkeit der Menschen. So wird es beispielsweise für deutsche Firmen einfacher, mit ihren Mitarbeitern in Kanada aktiv zu werden. Und auch die Auftragsvergabe zwischen der EU und Kanada wird entbürokratisiert.

Das Freihandelsabkommen öffnet also viele Türen – jetzt müssen die Menschen die Türen aber auch nutzen. Früher war das transatlantische Bündnis zwischen Deutschland und Nordamerika der Garant für Sicherheit und Stabilität. Mit den USA gibt es derzeit einige Spannungen. Wie tragfähig ist das Bündnis noch?

GERVAIS-VIDRICAIRE: Vor dem Hintergrund der Ukraine-Krise zeigt sich doch, dass die G7- Partner und auch die Nato immer noch gut und eng zusammenarbeiten. Natürlich gibt es auch zwischen Partnern immer mal Diskussionen und Differenzen. Aber es ist doch das große Ganze, was zählt. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich, wer die wirklichen Partner sind. Deutschland, Kanada und auch die USA sind immer noch gute und starke Partner, denn wir teilen die gleichen gemeinsame Werte!

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