Junges Theater München präsentierte mit „Kalteis“ einen packenden Kriminalfall

Mörder von der „Wies‘n“

Die Verlockungen der Münchener Gesellschaft der 30er Jahre: Die naive Kathie (Theresa Hanich, links) lässt sich von dem vermeintlich schicken Leben der Anderen blenden. Foto: Wagner

Bad Hersfeld. Die Herausforderung, aus einem Kriminalroman ein packendes Schauspiel zu inszenieren, das die Aufmerksamkeit der Zuschauer auch nach mehr als zwei Stunden Spielzeit noch fest im Griff hat, verlangt nach künstlerischer Exzellenz. Anna Wenzel ist diese Aufgabe gemeinsam mit Regisseur Michael Stacheder und den verheißungsvollen Nachwuchsdarstellern des Jungen Theater München gelungen. Am vergangenen Sonntag präsentierten sie „Kalteis“ in der Bad Hersfelder Stadthalle.

Realer Hintergrund

Das München der 30er Jahre bildet den Rahmen für die Geschichte, die auf der Romanvorlage von Andrea Maria Schenkel aus dem Jahr 2007 beruht und der der Kriminalfall des Serienmörders Johann Eichhorn zugrunde liegt. Dieser wurde im Jahr 1939 wegen vielfacher Vergewaltigung und fünffachen Mordes zum Tode verurteilt. Die Autorin des Romans rekonstruierte die Geschichte der Morde anhand von teils fiktiven, teils authentischen Zeugenaussagen und Vernehmungsprotokollen.

Vergnügungssüchtiges Milieu

Regisseur Michael Stacheder inszenierte die Geschichte rund um die hoffnungsvollen Leben der Mordopfer, die teils blauäugig im vergnügungssüchtigen Milieu der Münchener Gesellschaft flanieren. Mittelpunkt ist dabei die junge Kathie, die zu Beginn der Aufführung mit dem Zug in die bayerische Landeshauptstadt fährt, um ihre dörfliche Heimat hinter sich zu lassen und das Glück in der Großstadt zu finden. Zu spät merkt sie, dass sie sich schon bald in der trügerischen Umgebung der Münchener „Wiesn“ verlieren, der Prostitution verfallen und als letztes Opfer des gefährlichen Mörders Josef Kalteis enden wird.

Zum Leben erweckt wurde die Geschichte mitsamt den Charakteren durch die überzeugenden Darstellungen der talentierten Schauspieler. Insbesondere Theresa Hanich in der Rolle der naiven Kathie, Joachim Aßfalg als psychopathischer Frauenmörder Josef Kalteis und Ulrike Dostal als dessen verzweifelte Ehefrau Walpurga, die durch eine Schwangerschaft in eine von Gewalt geprägte Ehe gedrängt wurde, stachen durch packende Darstellungen hervor. Der Erzählstil, eine Mischung aus Dialogen und narrativer Erzählung, versorgte den Zuschauer mit Einblicken in einzelne Ereignisse und lieferte Hintergrundinformationen.

Blankes Entsetzen

Das Ende des teils verstörenden Sittengemäldes ließ die Zuschauer mit einem weiten Spektrum verschiedener Eindrücke und Empfindungen zurück, die von blankem Entsetzen über die rohe Brutalität bis hin zu Begeisterung über die Leistung der Darsteller und des künstlerischen Teams reichte. Was fehlte war ein positives Gefühl der Hoffnung darauf, dass Kalteis’ Taten die Ausnahme sind. Das war vermutlich von den kreativen Köpfen der Inszenierung beabsichtigt.

Von Nicole Wagner

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