250 Dinge, die wir an der Region mögen (126): Die Dorfkirmes

Modernes Fest mit Tradition

Fest mit vielen Facetten: Kirmesdisco (unten rechts), Schlüsselübergabe in Schenklengsfeld (oben rechts), Festzüge in Meckbach (unten links) und Philippsthal.

Hersfeld-Rotenburg. Natürlich könnte man folgendermaßen argumentieren: „Ein kollektives Besäufnis bei seichter Musik – was soll man daran mögen?“. Dann würde man aber den arroganten Blickwinkel des zugereisten Großstädters preisgeben. Oder als Einheimischer behaupten, von der Kirmes vollkommen kalt gelassen zu werden. Was zwar nicht unmöglich, aber doch unwahrscheinlich ist. Denn wer in den Dörfern zwischen Schwalm und Werratal aufgewachsen ist, der kam an der Kirmes nicht vorbei – ob er wollte oder nicht.

Das erste Mal auf die Kirmesdisco zu dürfen, ist im Empfinden eines jungen Menschen ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden und so bedeutsam wie die Konfirmation oder der Schulabschluss – mindestens. Kleine Orte, die viele sonst nur aus dem Seitenfenster des Autos kennen, werden für ein Wochenende zum Nabel der Region.

Wobei zunächst eine Definition fällig wäre. Denn unter Kirmes wird hier, anders als im Rheinland, nicht ein Rummelplatz mit Autoscooter und Schießbude verstanden – auch wenn es die auf einigen Kirmessen gibt. Die Kirmes geht auf das Kirchweihfest zurück und wurde meist im Herbst, mit Musik und Tanz von den jungen Burschen im Saal ausgerichtet.

Wenn die Alten jetzt sagen: „Heute wird doch gar keine richtige Kirmes mehr gefeiert“, dann zeigt das vor allem eines: Das Fest hat es geschafft, sich dem veränderten Lebens- und Arbeitsalltag anzupassen.

So hat jede Generation ihre Vorstellung davon, wie eine „richtige“ Kirmes zu sein hat: Die Alten denken an zünftige Abende im Saal, die mittlere Generation denkt an durchtanzte Nächte mit Beat-Musik und für die Jüngeren darf es Disco oder Rock sein. Vom Saal wurde die Kirmes in den vergangenen Jahrzehnten fast überall ins Festzelt verlegt, statt im Herbst beginnt die Saison heute schon im März.

Trotzdem haben sich von Ort zu Ort unterschiedliche Traditionen gehalten: Da wird die Kirmes ausgegraben oder abgeholt, ein Kirmesbaum aufgestellt, werden Ständchen gespielt, Eier und Speck gesammelt, gibt es Fackel- oder Festumzüge, werden Erntewagen geschmückt, junge Männer als Strohbähren verkleidet, tanzt das ganze Dorf am letzten Festtag im Nachthemd.

Einzigartige Mischung

Genau diese Mischung aus Technobeats, Schlager und Blasmusik, verkohlter Currywurst, Pommes mit gefrorenem Kern, Sektbar, Zeltgottesdienst mit reichlich Restalkohol und Familiennachmittag macht die Kirmes einzigartig – und unterscheidet sie von jedem x-beliebigen Sommer- oder Was-Auch-Immer-Fest. Auf der Kirmes hat es gefunkt – diese Schlagzeile trifft auf die Mehrheit der Goldenen- und Diamantenen Hochzeitspaare zu. Auch heute nimmt, trotz deutlich umfangreicherer Möglichkeiten, manche spätere Ehe auf der Kirmes ihren Anfang.

Natürlich sollen die negativen Begleiterscheinungen wie übermäßiger Alkoholkonsum, Gewalt und Vandalismus nicht verharmlost werden.

Dennoch: Wie sehr das Fest den Menschen am Herzen liegt, zeigt schon, dass die Kirmes nicht einfach endet. Sie wird zu Grabe getragen, in Form einer Flasche Schnaps oder eines Herings begraben oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Auch wenn die jugendlichen Veranstalter dann froh sind, im Nachbardorf auf der anderen Seite der Theke stehen zu dürfen, steigt schon wieder die Vorfreude: Denn nach der Kirmes ist vor der Kirmes.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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