Gericht spricht von komplizierter Beweislage – Täter soll vor damaliger Frau auf den Knien um Gnade gebettelt haben

Missbrauchsprozess: Polizei hält Opfer für glaubwürdig

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Symbolbild

Fulda/Bebra. Die Vorsitzende Richterin Michaela Kilian-Bock machte aus ihrem Herzen keine Mördergrube: Das, was sie bislang im Verfahren gegen einen 48-Jährigen aus Bebra gehört habe, der angeklagt ist, über Jahre seine Stieftochter missbraucht zu haben, sei sehr unübersichtlich. „Es ist wirklich, wirklich schwer. Wir sind jetzt noch nicht in der Lage, ein abschließendes, revisionsfestes Urteil zu sprechen“, sagte sie gestern am Ende des vierten Verhandlungstages.

Die Zweite Strafkammer des Landgerichts Fulda verhandelt gegen einen Bauarbeiter. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft vor, er habe von Juli 2002 bis Juni 2006 seine Stieftochter, die damals zwischen acht und zwölf Jahre alt war, in der Familienwohnung 20 mal vergewaltigt.

Der Angeklagte bestritt gestern erneut die Tat. „Ich hätte doch nie zugelassen, dass meine beiden Stieftöchter vor der Polizei und im Zeugenstand aussagen müssen, wenn an den Vorwürfen etwas dran wäre“, versicherte er.

Gestern sagten die Polizeibeamtinnen aus, die mit dem Opfer sprachen, kurz nachdem es im November 2009 die Taten angezeigt hatte. „Die Schilderungen des Mädchens von der Tat wirkten lebensecht. Es war verstört und aufgewühlt“, berichtete die 42 Jahre alte Polizeibeamtin von der Polizeistation Rotenburg, die in die Wohnung gekommen war, kurz nachdem die Tochter ihrer Mutter von Vergewaltigungen durch ihren Stiefvater berichtet und die Mutter die Polizei alarmiert hatte.

Das Mädchen habe davon berichtet, sie sei zwischen zwölf und 14 Jahren alt gewesen, als sie im Zimmer des Stiefvaters missbraucht worden sei, sagte die Oberkommissarin aus.

Jedes Wort fiel ihr schwer

Ausführlicher geäußert hatte sich das Mädchen im November 2009 dann gegenüber einer 44 Jahre alten Kripobeamtin aus Bad Hersfeld. „Das Mädchen war einsilbig, verklemmt und verstockt. Jedes Wort fiel ihr schwer“, berichtete die Hauptkommissarin.

Die Art und Weise, wie das Opfer ausgesagt habe, sei sehr glaubwürdig gewesen. „Ich hatte keinen Zweifel, dass sie die Wahrheit sagte. Ihre Aussage war frei von Widersprüchen“, erklärte die Beamtin.

Den ersten durch ihren Stiefvater erzwungenen Sex habe das Mädchen im Detail beschrieben. Dass ihr Stiefvater sie über die Jahre hinweg insgesamt 20 mal vergewaltigt habe, sei eine Schätzung des Mädchens. Die Hochrechnung der Beamtin, dass der Stiefvater dann etwa alle zwei bis drei Monate über sie hergefallen sei, wenn die Mutter und die kleine Schwester nicht in der Wohnung waren, habe sie bestätigt.

Das Opfer habe auch davon berichtet, dass ihre Mutter einmal dazu gekommen sei, während ihr Vater sie missbraucht habe. Diese Aussage wurde später von der Mutter allerdings nicht bestätigt.

„Hol nicht die Polizei!“

Die Kripobeamtin berichtete auch von der Aussage der jüngeren Schwester des Opfers. Demnach habe der Vater am Tag, als die Stieftochter die Missbrauchsvorwürfe erhob, vor seiner damaligen Frau auf den Knie gelegen und habe gebettelt: „Hol nicht die Polizei. Ich weiß nicht, wie es passieren konnte. Ich mache alles wieder gut.“

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit sagte das Mädchen dann selbst als Zeugin vor Gericht aus und schilderte die Szene, in der ihr Vater sich auf Knien für ein früheres Verhalten entschuldigt, erneut.

Für die Nebenklagevertreterin Margrit Guy, die das Opfer vor Gericht vertritt, ist der Ausruf des Angeklagten wie ein Geständnis zu werten. Verteidigerin Danica Stanojevic wies diese Einschätzung zurück: Der Angeklagte habe sich zwar ungefähr so geäußert, wie ihn seine jüngere Stieftochter verstanden habe. Allerdings sei es dabei überhaupt nicht um sexuellen Missbrauch gegangen – deshalb seien die Ausrufe ihres Mandanten in keiner Weise als Geständnis zu bewerten. Die Verhandlung wird Mitte Juni fortgesetzt. 

Von Volker Nies

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