Verein für psychosoziale Hilfen „Die Brücke“ stellt steigenden Bedarf fest

Menschen suchen Rat

Auf dem Plan ist schon zu erkennen, wie das neue Wohnprojekt am Grünen Weg einmal aussehen soll. Erwin Binkofski hofft, dass die Bauarbeiten bald beginnen können. Foto: Zacharias

Bad Hersfeld. Immer schneller, immer moderner, immer wieder neu und anders – unsere Gesellschaft entwickelt sich rasant. Viele Menschen kommen da nicht mit. „Sie geraten ins Trudeln, weil sie den vielfältigen Anforderungen nicht mehr geschmeidig begegnen können“, hat Erwin Binkofski vom Vorstand des Vereins für psychosoziale Hilfen im Kreis Hersfeld-Rotenburg, Die Brücke, festgestellt.

Viele dieser Menschen kommen dann in die Beratungsstelle der Brücke in der Hoffnung, dort jemanden zu finden, der verlässlich sagt, wie man im Leben zurecht kommen kann.

Die Zahl der Ratsuchenden, so hat Binkofski festgestellt, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Betroffen sind Menschen aller Altersgruppen. Sie sind beruflich überfordert, erleben private Krisen oder wissen nicht, wie sie aus festgefahrenen Situationen herauskommen sollen.

Wartezeiten

„Wir haben so viele Anfragen, dass wir nicht mehr sofort reagieren können und den Menschen Termine mit Wartezeit anbieten müssen“, sagt Binkofski. Einfach aufstocken kann die Brücke ihr Beratungsangebot nicht. Das Beratungsangebot ist unterfinanziert, stellt Binkofski nüchtern fest. Wenn das Personal aufgestockt würde, entstünde eine Deckungslücke.

Stolz ist Binkofski, dass es trotz der finanziellen Engpässe gelungen ist, mit der Beratungsstelle Dialog ein neues Angebot für Männer mit Gewaltproblemen in Partnerschaft und Familie einzurichten (wir berichteten), um mit den Tätern zu arbeiten.

Einen ständig höheren Bedarf stellt Binkofski auch für Plätze im Wohnheim der Brücke fest. Im Elke-Kamm-Haus leben zwölf seelisch behinderte Erwachsene. Ziel ist, dass sie dort lernen mit ihrer Krankheit und dem Alltag so zurechtzukommen, dass sie selbständig leben können. Das dauert jedoch häufig länger, als theoretisch gedacht, so dass längst nicht alle Menschen, die einen Platz im Wohnheim benötigen, auch einen bekommen.

Der Verein wäre zwar bereit, weitere Wohnheimplätze einzurichten – „Wir haben aber keine Genehmigung für weitere stationäre Plätze“, bedauert Binkofski.

Stattdessen plant die Brücke den Bau eines neuen Wohnhauses für psychisch kranke Menschen, wo sie, je nach Bedarf, mehr oder weniger intensiv betreut werden sollen. Acht kleine Apartments soll das Haus haben, das im Grünen Weg entstehen soll. 650- bis 700 000 Euro wird der Verein in dieses Projekt investieren, Fördermittel gibt es keine.

Es gebe nicht nur einen Bedarf an intensiv betreuten Wohnplätzen, macht Erwin Binkofski deutlich. Menschen mit seelischen Erkrankungen hätten generell Probleme, Wohnungen zu finden. Dabei sei es gerade für sie wichtig, in einem ganz normalen Umfeld zu leben und nicht in einem Ghetto, appelliert er an Vermieter, offen zu sein auch für etwas eigenwilligere Mieter.

„Wir arbeiten mit Menschen, die Hilfe dringend nötig haben und die auf die Solidarität der Gesellschaft angewiesen sind“, macht der Leiter der Brücke deutlich. „Dafür braucht es gut qualifizierte Mitarbeiter. Die müssen robust sein, denn die Arbeit ist anstrengend. Die muss man gut pflegen.“ Dass die ständige Verdichtung der Arbeit und eingefrorene Entgelte nicht gerade ein Pflegeprogramm für Mitarbeiter sind, ist ihm dabei sehr bewusst.

Von Christine Zacharias

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