Montagsinterview zum Thema Flüchtlinge mit Elke Künholz und Frank Hildebrand

Menschen nicht isolieren

Arbeiten unter Zeitdruck an der Unterbringung von Flüchtlingen im Landkreis: Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz und der Leiter des Fachdienstes Migration, Frank Hildebrand. Foto: Gottbehüt

Hersfeld-Rotenburg. Die Suche nach Unterkünften für Flüchtlinge ist angesichts steigender Zuweisungszahlen eine Herkulesaufgabe für den Landkreis. Neben den Gemeinschaftsunterkünften (GUs) für Asylbewerber in Bad Hersfeld und Kirchheim wird ab Juni mit dem ehemaligen Hotel Immensee ein drittes Gebäude genutzt. Und auch dieser Standort wird bei weitem nicht ausreichen. Wir sprachen mit Sozialdezernentin und Erster Kreisbeigeordneter Elke Künholz und dem Fachdienstleiter Migration, Frank Hildebrand.

Frau Künholz, wie viele Flüchtlinge sind im Landkreis zurzeit in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht und wie viele Menschen werden noch erwartet?

Elke Künholz: Wir haben von unseren zurzeit 318 Flüchtlingen 92 in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht. Der Rest lebt in Wohnungen. Aufnehmen muss der Landkreis im ersten Halbjahr voraussichtlich noch weitere 25 Flüchtlinge. Und die Prognose für das zweite Halbjahr, die bereits mehrfach nach oben korrigiert wurde, liegt zurzeit bei 150 Menschen. Daher besteht für uns ein großer Zeitdruck, weitere Unterkünfte zu finden.

Kritiker fordern eine Unterbringung möglichst aller Flüchtlinge in Wohnungen. Warum sind die Gemeinschaftsunterkünfte Ihnen so wichtig?

Künholz: Die Menschen, die nach ihrer Flucht bei uns ankommen, dürfen sich nicht isoliert fühlen. Alleine, ohne Sprachkenntnisse in einer Wohnung zu sein, führt aber dazu. Deshalb versuchen wir in den Gemeinschaftsunterkünften auf den einzelnen Fluren zunächst möglichst Landsleute und ethnisch gleiche Gruppen zusammenzubringen. So wächst Vertrauen in die neue Umgebung. Bereits Ortskundigere übernehmen Lotsenfunktion und die Menschen unterstützen sich gegenseitig. Alle bekommen dort sofort Deutschunterricht und Sozialtraining, was in GUs besser zu leisten ist.

Frank Hildebrand: Wenn diese Menschen, die ja nach langer Flucht teilweise mit schrecklichen Kriegserlebnissen im Gepäck bei uns erst einmal Fuß gefasst haben, werden ihnen Wohnungen zugewiesen. Zuvor sind sie in GUs besser betreut. Denn dort sind nicht nur der Hausmeister sondern auch Sozialbetreuer und Sprachtrainer täglich vor Ort. Deshalb gibt es auch nur wenige Eskalationen und wir haben kaum Probleme mit Krisenintervention.

Die Liste der geprüften Objekte ist lang. Warum sind in Ronshausen das Waldhotel Marbach und das alte Dorfgemeinschaftshaus nicht nutzbar?

Künholz: Marbach hat Schimmel und ist so feucht, dass dort eine Komplettsanierung von Nöten wäre. Da der Landkreis nur mietet, müsste dies ein Investor übernehmen. Das ist nicht zu erwarten.

Hildebrand: Auch das Ronshäuser Dorfgemeinschaftshaus müsste energetisch komplett saniert werden. Es gibt dort keine nach Geschlechtern getrennten Sanitäreinrichtungen – auch der Brandschutz ist ein Problem.

Künholz: Außerdem hätte es zu lange gedauert, das Haus herzurichten. Aufgrund des Zeitdrucks hätten wir den Immensee trotzdem anmieten müssen.

Wie sieht es mit den Wohngebäuden auf dem Gelände der Rotenburger Kaserne aus?

Hildebrand: Darin sind immer noch Wohnungen an Pendler vermietet. Das Bundesvermögensamt vermarktet das Gelände aber erst, wenn der letzte Soldat die Kaserne verlassen hat. Das ist frühestens 2016.

Künholz: Außerdem widerspricht die Kasernen-Anmietung unserem Konzept. Menschen, die vor Krieg geflohen sind, auf Militärgelände in einer Kaserne unterzubringen, kann für uns wirklich nur die letzte Möglichkeit sein.

Die Flüchtlinge müssen ja verteilt werden. Was würde passieren, wenn nicht der Landkreis nach Unterkünften sucht?

Hildebrand: In manchen Landkreisen werden die Flüchtlinge einfach an die Städte und Gemeinden durchgereicht und diese sind dann verpflichtet, die Menschen unterzubringen. Auch das entspricht nicht unserem Konzept. Wir setzen auf die Kooperation mit den Städten und Gemeinden.

Künholz: Eine weitere Möglichkeit – die in einigen anderen Landkreisen praktiziert wird – ist es, die Suche auszuschreiben und an einen Träger zu vergeben. Das bedeutet aber, dass sich der Landkreis selbst seiner Einflussmöglichkeiten entledigt und zum reinen Zahlmeister wird.

Was ist denn das besondere am Betreuungskonzept des Landkreises?

Künholz: Einfach gesagt: Die Menschen kommen an, kommen in Gemeinschaftsunterkünfte, bekommen die Schulungen, die sie benötigen, und innerhalb der neun Monate, in denen für sie absolutes Arbeitsverbot besteht, versuchen wir sie so fit zu machen, dass wir sie danach in Arbeit bringen können. Dies gibt den Flüchtlingen ihr Selbstwertgefühl zurück, fördert die Integration und spart Kosten, die sonst auf den Landkreis und über die Kreisumlage wiederum auf Städte und Gemeinden zukämen. Denn die Leistungen, die nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder dem Sozialgesetzbuch II gezahlt werden müssten, entfallen so in vielen Fällen.

Von Peter Gottbehüt

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