Joachim Gauck macht deutlich, warum ihm die Freiheit so viel bedeutet

Ein Mensch mit Gefühlen

Andrang von allen Seiten: Nach seinem Vortrag am Dienstagabend in der Bad Hersfelder Stadthalle signierte Joachim Gauck noch sein Buch „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ im Foyer und kam dabei mit den Veranstaltungsteilnehmern ins Gespräch. Foto: z

Bad Hersfeld. Spontane Heiterkeit kommt unter den rund 500 Besuchern in der Bad Hersfelder Stadthalle auf, als Joachim Gauck eine pathetische Ode auf den Sowjetdiktator Stalin rezitiert, wie sie in seinen Rostocker Kindertagen zur offiziellen Staatskultur gehörten. „Damals war das todernst gemeint“, erklärt der Redner. Wer sich darüber lustig machte, wurde bestraft.

Joachim Gauck (70), prominenter DDR-Bürgerrechtler, erster Leiter der Stasiunterlagen-Behörde und unterlegener Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, war am Dienstagabend zu Gast in Bad Hersfeld. Der örtliche Kulturbund und die Stiftung Adam von Trott zu Solz hatten den Zeitzeugen in zeitliche Nähe zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit eingeladen.

Gauck näherte sich dem Generalthema der deutsch-deutschen Geschichte bis 1990 bewusst emotional. „Ich nehme Sie mit in meine alte Zeit“, versprach er seinen Zuhörern, „und Sie werden wissen, warum ich ein begeisterter Verfechter der Freiheit bin und warum ich mich trotz aller Probleme in unserem Land immer noch freue über die Wiedervereinigung.“

Als Trittstufen in dieser Zeitreise dienten ihm Passagen aus seinem autobiografischen Buch „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“, in dem das Schicksal einer vom kommunistischen Staatsterror bedrängten Familie offenbar wird.

Vater nach Sibirien

Der Vater, Joachim Gauck senior, wird 1951 vom Geburtstag der Oma weg verhaftet und unter fadenscheiniger Begründung zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Die Behörden lassen die Familie jahrelang über seinen Aufenthaltsort im Unklaren. Nachfragen stoßen auf eine Mauer des Schweigens. Erst vier Jahre später, als der westdeutsche Kanzler Adenauer die Freilassung der letzten deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion erreicht, kommt auch Vater Gauck wieder heim.

Während sich Joachim Gauck durch Theologiestudium und Arbeit als evangelischer Pfarrer einen gewissen Freiraum von der staatlichen Bevormundung schuf, stellten seine erwachsenen Söhne wegen beruflicher Behinderungen noch in den Achtzigerjahren Ausreiseanträge und gingen in den Westen.

Immer wieder wechselte Gauck am Dienstagabend vom Buchtext in die freie Rede, erläuterte den politischen Druck und das Lebensgefühl der DDR-Menschen an Beispielen, schilderte die drängende Frage „Bleiben oder gehen?“ und die allmählich einsetzende seelische Demontage: „Wir machten uns lebensfähig und hart und töteten Gefühle ab, wenn sie das Funktionieren im Alltag störten.“ Und wenn ihm im Überschwang der Erinnerung die Stimme versagte, entschuldigte er sich mit dem Hinweis: „Vor ihnen steht ein Mensch, der Gefühle hat.“

Verliert ihren Glanz

In einer freien Gesellschaft verliere die Freiheit einen Teil ihres Glanzes, räumte Gauck zum Schluss ein, das habe er in den vergangenen zwanzig Jahren gelernt. Aber er werde sich erinnern – auch daran, dass er mit 50 Jahren zum ersten Mal richtig wählen durfte. „Sie, die Freiheit, wird mir immer leuchten.“

Mit anhaltendem Applaus bekundeten die Zuhörer ihre Sympathie für den Redner. Von der Möglichkeit, dem Gast über das Mikrofon Fragen zu stellen, wollte dann – mit einer einzigen Ausnahme – niemand Gebrauch machen.

Von Peter Lenz

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