Opernfestspiele: „Don Giovanni“ als Abgesang auf das erotische Zeitalter inszeniert

Melancholie der Verführung

Karges Bühnenbild: Die singenden, sich nach Liebe sehnenden Menschen beherrschen die Bühne der Stiftsruine. Requisiten braucht es bei Don Giovanni kaum. Foto: Hartmann

Bad Hersfeld. Keine komödiengerechte Hochzeit am Ende, sondern ein Begräbnis. Eine Gruft tut sich auf, aus der Armpaare sich emporrecken, vermutlich Frauenarme. Don Giovanni taumelt hinein, Höllendampf steigt auf. Gleich wird Donna Elvira den ihr geschenkten Ring vom Finger streifen und ihm ins Grab nachwerfen, dazu das meterlange Register-Faltblatt mit den Namen all der Verflossenen. Und sie wird zur berühmten „Scena ultima“ als Klosterschwester Elvira den Heiminsassen Leporello im Rollstuhl herbeifahren, wie es bereits zu Beginn der Oper geschah.

Galanter Abgesang

Es könnte der gealterte Giovanni sein, der da den Abgesang auf das galante, das erotische Zeitalter erlebt. Wir erinnern uns: Uraufführung des „Don Giovanni“ 1987, zwei Jahre vor Ausbruch der Französischen Revolution. Die Epoche der Aufklärung ist dabei, Wahrnehmung und Bewusstsein der Menschen zu verändern, ja zu entzaubern. Das ist der Hintergrund von Mozarts und seines Librettisten Da Ponte Meisterwerk.

Und heute, über 200 Jahre später? Die Entzauberung ist fortgeschritten. Die Zahl der Liebesenttäuschten und doch Liebebedürftigen ist dramatisch gestiegen. Das emotionale Zeitalter scheint sich nun aufzulösen. Liebe ist vollends zum Gebrauchs- und Wegwerfartikel verkommen, das Verlangen aber bleibt. Davon berichtet die „Don-Giovanni“-Neuproduktion, die dritte in der Stiftsruine nach 1991 und 2006. Erstmals betreut hier der erfahrene Opernregisseur Prof. Heinz Lukas-Kindermann das Bühnengeschehen.

Die Bühne bleibt leer bis auf wenige Requisiten (Stühle, ein Sofa, die Festtafel, einige Kerzenleuchter). Ihr Dekor sind die singenden, liebenden, sich nach Liebe sehnenden Menschen. Auf sie ist alles Augenmerk der Regie gerichtet – wie auf Don Giovanni alle Konzentration des Stücks. Auf Don Giovanni, der alles gemeinschaftliche Streben bindet und doch jede Beziehung, jede Gemeinschaft zerstört. Dieses Paradoxon verschärft der Regisseur mit einem gestischen, mimischen, aktionistischen Flammenwurf ohnegleichen, einem verzweifelten Kampf zwischen dem weiblichen und männlichen Prinzip. Am Ende resignieren beide völlig: „Zu Feuer – zu Asche“, wie Elvira und Leporello im Rezitativ singen. So desillusioniert endet ein „dramma giocoso“, ein heiteres Drama. Melancholie, Wehmut bleibt.

Von Siegfried Weyh

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