Mehr Licht als Schatten

Markus Pfromm

W ohl auch dem Alter, jedenfalls seiner Gesundheit, aber gewiss nicht anderen gestand Hartmut H. Boehmer zu, den Zeitpunkt seines Rückzugs vom Amt des Bürgermeisters in Bad Hersfeld mitzubestimmen. Da hat allein er Regie geführt. Der Moment der vorösterlichen Verkündung entbehrte – seiner Liebe für großes Schauspiel entsprechend – nicht einer gewissen Theatralik. Dass am Gründonnerstag spät die Presse geladen wurde, ohne vorher eine Andeutung zum Thema zu machen, baute die Spannung auf. Nur dieses eine Mal wolle er sich erklären zu seinem vorzeitigen Rückzug zum 31. August. Nachdem er der Journaille in die Blöcke diktiert hatte, reiste er in den Urlaub ab. Den ersten Wellenschlag und die Betriebsamkeit angesichts einer bald erforderlichen Nachfolge erspart sich der clevere Profi. Auch im furiosen Finale seiner Ära als Bürgermeister bestimmt er als Hauptdarsteller die Handlung selbst.

Das hat er immer versucht. Und wer wie er den unbestreitbaren Drang verspürt, Bleibendes schaffen zu wollen, lässt sich nicht aufhalten von zu viel Debatte. Nur durch seinen enormen Fleiß und seine Tatkraft war es möglich, die Stadt in so atemberaubendem Tempo vom austauschbaren Marktflecken zum modernen Mittelzentrum zu entwickeln. Bad Hersfeld setzt Maßstäbe. Das ist sein Verdienst. Und das verdient Dank und Anerkennung!

Dafür brauchte es Mehrheiten; auch die hat er sich organisiert. Mit Geschick, Charme, Überzeugungskraft - und falls nötig auch mit Druck. Eben so, wie es die Umstände aus seiner Sicht erforderten. Die Menschen in der Region werden jedenfalls vom Ergebnis seiner großen Lebensleistung noch lange profitieren. Sein Sinn für Ästhetik ist stilbildend geworden. Die durch ihn mitgeprägten wirtschaftlichen Erfolge der Stadt sind offensichtlich.

Wo viel Licht ist, da ist auch Schatten. Die Empfindsamkeit als eine Quelle seiner Kreativität fördert zuweilen eine übermäßige Empfindlichkeit zutage. Rhetorisch geschickt und unter Einsatz seiner Macht konnte und kann er heftig austeilen. Einstecken hingegen ist seine Sache nicht. Hartmut H. Boehmer hat auch manche zurückgelassen auf seinem Weg in und für Bad Hersfeld. Darunter waren nicht nur ignorante Bedenkenträger oder vermeintliche Egoisten.

Meine publizistische Wegstrecke mit ihm weist eine große menschliche Bandbreite auf. Von Sympathie, Austausch und gegenseitiger Achtung bis hin zu heftigem Vorwurf und persönlicher Attacke. Doch diese Reibung zwischen dem Repräsentanten der Tageszeitung als dem regionalen Leitmedium einerseits und dem politischen Amtsträger auf der anderen Seite ist eine Würze kommunaler Demokratie. Geradezu verdächtig und fade wäre hingegen zu viel Harmonie.

Und wie geht es nun weiter? Hartmut H. Boehmer hinterlässt offenbar geordnete Finanzen, aber wie einengend sind die Weichen, die bereits für die Zukunft gestellt sind? Wie groß ist der Gestaltungsrahmen für die neue Frau oder den neuen Mann im Bürgermeisteramt? Ist eine neue Persönlichkeit, die sich profilieren muss, gut beraten, den Amtsvorgänger neben sich weiter die Stadtentwicklungsgesellschaft und die Wirtschaftsbetriebe führen zu lassen, so wie dieser es sich vorstellen könnte?Als neutraler Beobachter, und nur in dieser Rolle, sehe ich einem spannenden Bürgermeisterwahlkampf entgegen.

pfromm@hersfelder-zeitung.de

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