Die Glocken der Stadtkirche erklingen jeden Tag – sie haben eine lange Geschichte

Mehr als Kupfer und Zinn

Bedient die Glocken mit einem Computer: Küster Valentin Teminski ist dafür zuständig, dass die Glocken pünktlich klingen.

Bad Hersfeld. Zu Pfingsten ist die älteste Glocke Deutschlands, die Lullusglocke zuletzt geläutet worden. Sie wiegt etwa eine Tonne und wurde vermutlich im Jahr 1038 gegossen. „Ich hatte auch schon einmal die Ehre, sie zu läuten“, sagt Valentin Teminski. Damals habe es fünf Minuten gedauert, sie in Schwung zu bringen, erzählt er.

Nur rund 300 Meter von der Lullusglocke entfernt befindet sich sein eigentlicher Arbeitsplatz: Küster Teminski ist für die Glocken der Bad Hersfelder Stadtkirche zuständig. Dort hängt eine Glocke, die jünger, aber um einiges schwerer ist als die Lullusglocke.

Die Osterglocke der Stadtkirche ist 643 Jahre alt – nur die Lullusglocke und zwei Glocken im Fritzlarer Dom sind älter. Sie wiegt zweieinhalb Tonnen und wird auch Totenglocke genannt, weil sie zu Beerdigungen erklingt. „Bei diesem Anlass soll das Klingen der Glocke das letzte Signal für das Leben eines Menschen sein“, sagt Teminski. Auch zu Gottesdiensten und jeder vollen Stunde hört man sie.

Die acht Glocken der Stadtkirche werden heutzutage nicht mehr per Hand geläutet. Zusammen mit einem Glockenspiel von 16 kleineren Glocken programmiert Teminski sie mit einem Computer, der in der Kirche an einer Wand angebracht und mit den Glocken verbunden ist. Wenn ein Knopf gedrückt wird, dann erklingen die Glocken nur Sekunden später, da sie erst noch in Schwung kommen müssen. Teminskis Arbeit mit dem Computer ist der Grund, dass das Glockenspiel täglich pünktlich um 10.45 Uhr und 17.45 Uhr erklingt und einen Choral spielt.

Auf dem Glockenfriedhof

Im Turm der Stadtkirche hängt auch die Sonntags- oder Sechs-Uhr-Glocke, die im Jahr 1666 gegossen wurde. Zusammen mit einer anderen Glocke der Kirche hat sie während des Zweiten Weltkriegs ein besonderes Schicksal ereilt. Mit ihren 1700 Kilogramm Gewicht lag sie lange auf dem sogenannten „Glockenfriedhof“ im Hamburger Stadtteil Veddel. So wurden Sammelstellen genannt, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg eingerichtet wurden, um Kupfer und Zinn einzuschmelzen und damit Kriegsgerät, wie zum Beispiel Geschosshülsen herzustellen. Insgesamt seien etwa 90 000 Glocken im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten beschlagnahmt worden. Davon hätten etwa 15 000 Glocken den Krieg überstanden und konnten in vielen Fällen ihren Türmen zugeordnet werden.

So auch die Glocken aus Bad Hersfeld. Damit sie auch weiterhin läuten, wurde für ihre Pflege die Glocken- und Kunstgießerei Rincker beauftragt. Dort sind die Glocken wohl gut aufgehoben: Es ist die älteste Gießerei Deutschlands.

Von Jürgen von Polier

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