Ärztestreik richtet sich vor allem gegen schlechte Arbeitsbedingungen

Mehr Arbeit, weniger Zeit

Bad Hersfeld. Der Streik der Krankenhausärzte geht weiter. Auch gestern zogen etwa 50 Ärztinnen und Ärzte des Klinikums in einem Protestzug in die Stadt, wo sie während einer gemeinnützigen Aktion am Lullusbrunnen nicht nur über ihre Anliegen informierten, sondern auch zahlreiche Gesundheitsangebote für Passanten machten.

„Es geht uns um die Arbeitsbedingungen“, machte die Chirurgin Barbara Börsch deutlich. Ärzte müssten immer mehr Patienten in immer kürzerer Zeit behandeln, erläuterte sie. Dazu kämen überlange Arbeitszeiten und Bereitschaftsdienste, die zunehmend als Vollarbeit geleistet werden müssten, aber nicht so bezahlt würden. Zum Beispiel werde von den Ärzten erwartet, dass sie Routine- und Schreibarbeiten während der Bereitschaftszeiten erledigten.

„Die planbare Arbeit sollte innerhalb der normalen Arbeitszeit erledigt werden können“, sagt auch Florian Stumpf vom Landesvorstand des Marburger Bundes. Der Marburger Bund vertritt die Interessen der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte in Deutschland.

Gleichzeitig werde im pflegerischen Bereich Personal reduziert. Ungelernte Ersatzkräfte wie Zivildienstleistende oder Praktikanten würden in

die regelhafte Arbeit eingebunden, wo eigentlich qualifizierte Pflegekräfte notwendig seien. Für die Ärzte bedeute dies zusätzlichen Arbeits- und Zeitaufwand, weil sie stärker kontrollieren müssten, ob ärztliche Anordnungen auch richtig ausgeführt worden seien.

„So wird nicht nur die Qualität der Pflege, sondern auch meine eigene Arbeit schlechter, weil ich immer weniger Zeit habe“, erläutert Barbara Börsch ihren Unmut. Den Fehler sieht sie vor allem im System. „Das will auch mein Chef nicht, dass wir unter

so schlechten Bedingungen arbeiten“, ist sie überzeugt. Sie nimmt jedoch durchaus zur Kenntnis, dass vor allem in Sachmittel investiert wird, dass eher neue Abteilungen aufgemacht werden, als dass für mehr Personal während der Nachtdienste oder für mehr Krankenschwestern gesorgt wird.

Die Konsequenz aus den schlechten Arbeitsbedingungen ist in allen Krankenhäusern spürbar. Weil immer mehr Ärzte sich von der kurativen Medizin abwenden oder ins Ausland gehen, haben die meisten Kliniken Probleme damit, freie Arztstellen zu besetzen. „Die Ruhestandswelle in den nächsten zehn Jahren wird das Problem des Ärztemangels weiter verschärfen. Arbeitsverdichtung, längere Arbeitszeiten für Ärzte und Wartezeiten für Patienten sind die Konsequenzen dieser Entwicklung“, heißt es in einer Presse-Information des Marburger Bundes.

Überstunden unattraktiv

Doch neben den Arbeitsbedingungen geht es den Ärzten auch um eine Bezahlung, die sie als angemessen für ihre Arbeit empfinden und die den Arztberuf in Deutschland wieder attraktiv machen soll. Florian Stumpf sieht die Geldforderungen auch als „Erziehungsmittel“. Überstunden sollen so teuer werden, dass es für die Kliniken unattraktiv ist, wenn so viele davon anfallen.

Die Resonanz auf den Streik und die Gesundheitsaktion sei bei den Passanten überwiegend positiv, freute sich Barbara Börsch. Viele Leute hätten selbst schon gemerkt, dass sie im Klinikum länger warten müssten.

Von Christine Zacharias

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