60-Jähriger misshandelte seine demente Mutter: Freiheitsstrafe auf Bewährung

Martyrium einer Hilflosen

Bad Hersfeld. Als in Friedewald ein 60-jähriger Mann seine demente Mutter über Monate immer wieder misshandelte, passierte das, was in solchen Fällen viel zu oft passiert – nichts. In der Nachbarschaft schaute man weg, man schwieg, und man mischte sich schon gar nicht ein.

Und der ambulante Pflegedienst, der die alte Dame bis zu dreimal täglich betreute, der gab sich mit einfachen Erklärungen zufrieden. Platzwunden, Kratzer, blaue Flecken? Die halbblinde Frau war angeblich ständig gegen Türen und offene Schubladen gelaufen, war immer wieder gestürzt.

Doch im Haus gegenüber schauten die Bewohner eines Tages nicht nur genau hin, als sich im Küchenfenster ein weiterer Akt im Martyrium der hilflosen Seniorin abspielte, sondern die Eheleute informierten am Ende auch die Polizei.

„Wir haben in menschliche Abgründe hinabsehen müssen,“ sagte Richter Michael Krusche, nachdem das Schöffengericht in Bad Hersfeld den Sohn gestern wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen, Körperverletzung und Nötigung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt hatte.

Am Rand der Verzweiflung

Denn zuvor war in der Verhandlung das Bild eines Mannes gezeichnet worden, der sich „bis an den Rand der Verzweiflung“ um seine kranke Mutter kümmerte, der am Ende jedoch völlig überfordert war und sich viel zu lange dem Gedanken verschloss, die 86-Jährige in ein Pflegeheim zu geben.

Was dem Sohn beispielsweise zu schaffen machte, war die Angewohnheit der Mutter, den Inhalt ihrer Windel auf Möbeln und dem Fußboden zu verteilen. Auch verließ sie immer wieder das Haus, um sich bei den Nachbarn nach Datum und Uhrzeit zu erkundigen.

Dass die alte Frau dafür lautstark gescholten wurde, hatten im Umkreis wohl alle mitbekommen. Von Schlägen hatte man jedoch nur im Haus gegenüber etwas bemerkt. Als man den Nachbar zur Rede stellte, habe der nur „Hau ab!“ gesagt.

Vor einem Jahr war die Situation dann eskaliert. Die beiden Zeugen konnten von ihrem Küchentisch aus beobachten, wie der Sohn seine Mutter mit der Faust auf den Kopf und ihr Gesicht auf die Tischplatte schlug. Eines Abends zog er die alte Dame dann aus, ließ sie eine halbe Stunde lang splitternackt am Tisch sitzen und traktierte sie mit weiteren Schlägen, unter anderem auch gegen die Brust.

All diese Vorwürfe stritt der Angeklagte rundweg ab: „Ich habe meine Mutter nie geschlagen,“ behauptete er und schlug auch das Angebot aus, bei einem Geständnis mit einer deutlich geringeren Strafe davon zu kommen.

Gewisser Sadismus

Doch die Beweislage war dank der detaillierten Angaben der beiden Zeugen eindeutig. Und so kam Richter Krusche nicht umhin, dem Friedewalder zu attestieren, „moralisch auf der tiefsten Stufe“ und mit einem „gewissen Sadismus“ gehandelt zu haben.

Der 86-Jährigen, die seit einem Jahr in einer Pflegeeinrichtung in ihrem Heimatort lebt, geht es mittlerweile viel besser. Auch bei den regelmäßigen Besuchen ihres Sohnes ginge es „ganz harmonisch“ zu, berichtete die Leiterin des Altenheims.

Die Freiheitsstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Außerdem verhängte das Gericht eine Geldauflage von 3400 Euro.

Von Karl Schönholtz

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