Eine Freundschaft im Stau: Im kleinen Grenzverkehr unterwegs nach Leimbach

25 Mark für zwei Kaffee

Die Kontrollstelle zur 5-Kilometer-Sperrzone an der B 62 zwischen Dorndorf und Vacha war am 12. November 1989 schon verwaist. Heute lässt nur noch eine Bauruine den ehemaligen Zweck des Gebäudes erahnen. Foto: Roth

Bad Hersfeld. Es ist Sonntag, der 12. November 1989. Pünktlich um 6 Uhr geht der Radiowecker an. Als in den Nachrichten eine Meldung über eine baldige Öffnung der Grenze zur DDR zwischen Philippsthal und Vacha läuft, bin ich hellwach.

Wir hatten schon seit 1966 Kontakte zu Bekannten in Leimbach bei Bad Salzungen. Dort war mein Großvater bis 1948 als Bahnhofsvorsteher bei der Reichsbahn tätig. Während unserer Treffen hatte ich immer scherzhaft bemerkt: „An dem Tag, wenn die Grenze aufgeht, komme ich zum Kaffeetrinken zu Euch.“ Das dies einmal Wirklichkeit werden könnte, hielten wir alle für unmöglich.

Als ich die Grenze erreiche, werde ich von DDR-Grenzern aufgehalten. Mein Hinweis, dass im Radio die Nachricht gebracht worden wäre, die Grenze sei auch für Pkw ab 7 Uhr passierbar, wirkt wie ein „Sesam, öffne Dich.“ Außerdem zeige ich mein Visum für den grenznahen Bereich. „Wir räumen nur noch schnell die Baufahrzeuge zur Seite, dann können Sie durchfahren,“ wird mir mitgeteilt. Als ich gerade abfahren will, hält man mich noch einmal an. „Sie müssen noch die 25 DM für die Einreise bezahlen!“ Ich zahle und es geht weiter.

Auf der schlecht ausgebauten Straße erreiche ich Oberzella. Dort wird gerade ein Bauwagen mit der Aufschrift „Staatsbank der DDR“ bereitgestellt. Zurück auf der B 62 ist der Verkehr noch gering. Die Kontrollstelle zwischen Vacha und Dorndorf für die 5-km-Sperrzone ist verwaist.

Als ich in Leimbach eintreffe, wecke ich unsere Bekannten, die wegen einer Karnevalsfeier am 11.11.1989 etwas länger geschlafen hatten. Sie öffnen die Tür und die erste Frage nach der Begrüßung lautet“ „Ist die Grenze auf?“.

Als ich es bejahe, fallen wir uns in die Arme. „Ich habe doch gesagt, dass ich dann zum Kaffeetrinken komme und heute wird es wahr.“ Schnell wird der Kaffeetisch gedeckt und wir frühstücken gemeinsam, zwei Tassen Kaffee reichen mir, zwei Tassen für 25 DM Einreisegeld.

Mit Eskorte zur Grenze

In der Zwischenzeit hat sich der Verkehr Richtung BRD-Grenze stark belebt und ich mache mich auf die Rückreise. Beim Abzweig Oberzella stockt der Verkehr. Ich steige aus und unterhalte mich mit DDR-Autofahrern. Hinter mir steht ein Ehepaar aus Brotterode mit einem Wartburg. „Wir wollen nur mal schauen, wie es in der BRD aussieht.“ Der Mann öffnet den Kofferraum und ein Netz mit Volleybällen kommt zum Vorschein. Ich öffne den Kofferraum, ebenfalls Volleybälle vom letzten Training im Gepäck. Schon ist der Kontakt da.

Plötzlich hält ein Verkehrspolizist in weißer Uniform mit seinem Motorrad an. Er erklärt, dass es sich staut, weil sich die DDR-Bürger von der Staatsbank ihr Verzehrgeld für die BRD abholen.“ Jetzt weiß ich auch, was der Bauwagen vom Morgen für eine Bedeutung hat. Der Polizist eskortiert uns zur Grenzübergangsstelle.

Als wir losfahren, schließen sich meine neuen Bekannten gleich an. Ich nehme die Brotteröder mit nach Bad Hersfeld, weil es dort auf der Begrüßungsgeldstelle nicht so voll ist wie in Philippsthal. Nach einem kurzen Besuch im Vereinsheim des SV Kathus, wo meine Frau an diesem historischen Tag Thekendienst hat, kehren die Brotteröder wieder in den Thüringer Wald zurück. Aber noch heute treffen wir uns zu gemeinsamen Reisen in Ost und West.

Von Rolf Roth

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