Schwimmmeister Manfred Werner verlässt den Beckenrand – dem Bad bleibt er treu

Ein Mann taucht ab

Endspurt: Manfred Werner zieht die letzten Bahnen. Foto: Schleichert

Bad Hersfeld. Wenn das 80. Paar Badelatschen in seine Plastikteile zerfällt, dann wird es Zeit. Dann läuft er ein letztes Mal um das Schwimmerbecken und geht. Die Zeichen stehen auf Abschied. 37 Jahre verbrachte Manfred Werner zwischen Schwimmerbecken und Wasserrutsche, zwischen Liegewiese und Sauna. Ein halbes Leben. Sein Leben aber, das war der Beruf nicht: „Ich werde nach Hause gehen und zufrieden sein“, sagt der Schwimmmeister in Aquafit und Geistalbad über den Tag im Mai, an dem er Rentner wird.

Hobby zum Beruf machen

Manfred Werner ist einer, der das Leben so nimmt, wie es kommt. Wie im Juni 1974. Da entschied sich der begeisterten Rettungs- und Leistungsschwimmer, das Hobby zum Beruf zu machen. Im Städtchen Schwarzenberg im Erzgebirge war gerade eine Stelle frei geworden. Werner, damals noch Zimmermann, sagte zu. Erst Holz, dann Wasser? „Na und?“, fragt Werner, der aus einer Kleinstadt bei Leipzig stammt und genau so klingt.

Nach der Wende ging er in den Westen. Seit ‘97 steht der ostdeutsche Schwimmmeister an einem westdeutschen Beckenrand – in Bad Hersfeld. „Na und?“, fragt Werner, diesmal herausfordernd. Er wollte seinen vier erwachsenen Kindern nah sein, die in ganz Hessen verstreut sind. Seine Frau folgte ihm. Den Beruf hat Werner immer genossen: früher und heute, in Ost und West.

Manfred Werner blickt auf die Köpfe, kahl und behaart, klein und groß, die im Schwimmerbecken ihre Bahnen ziehen. „Es ist nicht das Wasser, das ich an dem Job mag“, sagt er, „es sind die Menschen.“ Egal ob Frühschwimmer, Plantscher oder Dauerrutscher – ein Schwimmi, wie Werner seinen Beruf nennt, schätzt jeden Gast, der die Regeln schätzt.

Schon so manchen Schwimmbadbesucher, dem er Schwimmflügel ausgeliehen hat, hat Manfred Werner wiedergesehen: Er hat beobachtet, wie die Bewegungen koordinierter wurden. Erst paddeln sie wie Hunde, dann strampeln sie wie Frösche, und schließlich tauchen sie wie ein Delphin. Manfred Werner stand immer am Beckenrand. Meist mit Stolz.

„Schwimmmeister war immer mein Traumjob“, sagt Werner und holt Luft. Und immer folgt ein „Aber“. Früher war das Aber das Chlor, das er mit bloßen Händen in das Becken schüttete. „Stand der Wind falsch, hatte meine Kleidung weiße Flecken“, erinnert sich Werner. Heute sind das Aber jene jungen Badegäste, die es auf einen Verweis anlegen.

„Der Schwimmi ist bekannter als der Bürgermeister.“

Manfred Werner

Die Zeichen stehen auf Abschied. Das Freibad, in dem Werner seine ersten Kurse gab, hat die Stadt schon vor Jahren mit Erde füllen lassen. „Da stehen heute Häuser drauf“, sagt Werner – ohne Wehmut. Und auch das Quietschen und Quaken der Kinder, das in den Hallen des Hersfelder Bades echot, ist in den Ohren des 65-Jährigen nicht immer Wohlklang.

Doch Manfred Werner wird wiederkehren. „Ich werde weiterhin Kindern Schwimmen lehren“, sagt er. Den Beckenrand verlässt er. Das Wasser bleibt sein Element.

Von Pia Schleichert

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