Montagsinterview mit dem Bad Hersfelder Rechtsanwalt Jochen Kreissl

Mann für schlimme Fälle

Der Mann für die schlimmen Fälle: Der Bad Hersfelder Rechtsanwalt Jochen Kreissl ist bei Mord und Totschlag als Verteidiger gefragt. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. Die erstochene Frau im Zellersgrund, der totgeprügelte Obdachlose im Bad Hersfelder Bahnhof und der erstickte Mann aus Meckbach: In den spektakulären Tötungsdelikten der letzten Monate taucht regelmäßig der Name des Rechtsanwalts Jochen Kreissl aus Bad Hersfeld auf. Karl Schönholtz sprach mit dem Strafverteidiger.

Herr Kreissl, wie kommt es, dass die besonders schlimmen Fälle so oft bei Ihnen landen?

Jochen Kreissl: Vielleicht weil ich hier seit über einem Jahrzehnt der einzige Fachanwalt für Strafrecht bin, vielleicht aber auch, weil ich schon ein Vierteljahrhundert im Geschäft bin und sich herumgesprochen hat, dass Strafrecht mein Schwerpunkt ist.

Aber es sind ja in der Regel Pflichtverteidigungen, für die Sie vom Gericht bestellt werden.

Kreissl: Es werden manchmal Pflichtverteidigungen. Die Mandaten kommen zu mir, und wenn sich dann herausstellt, es geht um ein Verbrechen – Mindestdrohung nach dem Strafgesetzbuch ein Jahr Freiheitsstrafe –, dann beantrage ich die Pflichtverteidigung oder werde vom Gericht bestellt.

Aber warum gerade Sie und kein anderer Anwalt?

Kreissl: Das ist langjährige, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den beiden männlichen Strafrichtern am Hersfelder Amtsgericht. Von den weiblichen werde ich allerdings eher gemieden. Auch mit dem Landgericht Fulda funktioniert es. Möglicherweise kommt man also mit meiner Art zu verteidigen gut klar.

Es gibt ja Anwälte, die solche Fälle eher meiden. Das ist bei Ihnen offenbar anders.

Kreissl: Also, ich suche die nicht. Ganz im Gegenteil. Wenn Presse oder Funk an mich herantreten, dann bin ich nicht dabei. Ich gebe gelegentlich ein Statement ab, wenn es gewünscht ist, aber ich suche nicht die Öffentlichkeit. Es geht in erster Linie um den Schutz des Mandaten. Auf der anderen Seite möchte ich manchmal zeigen, da ist Bewegung drin, weil es so spektakuläre Fälle sind. Dann gebe ich auch Informationen weiter.

Es geht aber nicht nur um die Öffentlichkeit an sich, sondern auch um die öffentliche Meinung. Denn Ihre Mandanten aus den erwähnten Fällen haben diese ja von vornherein gegen sich...

Kreissl: Dann darf man’s nicht machen. Wir suchen uns nicht das Saubere und das Unsaubere heraus. Ich bin mit Leib und Seele Strafverteidiger. Und die großen Strafsachen sind ja auch strafrechtlich groß, die werden beim höchsten Strafgericht angeklagt, bei der Schwurgerichtskammer. Diese Fälle muss man dann mitmachen, und ich will die auch machen.

Auch wenn die Aussichten, solche Prozesse zu „gewinnen“ ja in der Regel mau sind...

Kreissl: Ich nehme die ja nicht an mit dem Ziel, einen Freispruch zu bekommen. Aber ich hatte auch schon den Mordprozess, bei dem die Staatsanwaltschaft am Ende Freispruch beantragt hat. Nehmen wir den Fall vom Zellersgrund, da war Mord angeklagt, verurteilt wurde wegen Totschlags. Im Obdachlosenmord hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass neu verhandelt werden muss. Es geht mir darum, dass keiner einen Tag länger im Gefängnis sitzen soll, als er muss. Darum geht es.

Berührt Sie so etwas noch persönlich, oder ist am Ende alles nur Routine?

Kreissl: An die unschönen Dinge trauen sich viele nicht ran. Ich aber gehe deswegen ran, weil ich’s faszinierend finde. Erstens vor dem, Schwurgericht zu verteidigen, zweitens mit den Mandanten zu arbeiten. Ihre Gesichtsausdrücke beim ersten Zusammentreffen. Oft ist ihnen gleich der Hilfeschrei anzusehen, was wird jetzt aus mir? Und da bin ich im Grunde der erste, der ihnen die Hand reicht. Die sollen schon ihre nach dem Gesetz gerechte Strafe bekommen. Da darf nichts außen vor bleiben, aber es darf auch nichts dazukommen.

Wir erleben gerade in Oberaula, dass es damit mitunter nicht getan ist. Hier soll ein ehemaliger Sextäter nach verbüßter Strafe und Therapie in die Gesellschaft integriert werden. Doch die Dorfgemeinschaft wehrt sich gegen den Mann. Wie sehen Sie das?

Kreissl: Irgendwann ist eine Tat gesühnt. Und dann muss man wieder zurück in die Gesellschaft und dort aufgenommen werden.

Auch um den Preis eines Restrisikos?

Kreissl: Ja. Das steckt doch in jedem von uns. Mit dem Restrisiko muss man leben. Das erträgt die Gesellschaft auch.

In Strafprozessen finden in letzter Zeit immer öfter Rechtsgespräche mit Verständigungen über das Strafmaß statt. Das geschieht vor allem, um unnötigen Zeitaufwand zu vermeiden. Sie sind kein Freund von solchen „Deals“...

Kreissl: Überhaupt nicht. Diese Rechtsgespräche verbieten sich bei jemandem, der unschuldig ist. Wenn mir ein Mandant sagt, er sei unschuldig, muss das ausgefochten werden. Ansonsten verteidige ich so lange, bis das Ergebnis stimmt. Also, wenn ich im Rechtsgespräch ein Angebot bekomme, das ich nicht ablehnen kann, nehme ich’s natürlich mit. Aber ich lasse mich nicht kaufen

Sie geben sich ja bekanntermaßen nicht leicht zufrieden. Sie sind in jüngster Zeit zweimal bis zum Bundesgerichtshof gezogen und haben mit ihren Revisionen Erfolg gehabt. Was ziehen Sie daraus für Schlüsse?

Kreissl: Es lohnt sich zu hinterfragen, es lohnt sich dranzubleiben. Es gibt ja bei uns keine absolute Wahrheit, sondern eine richterliche Wahrheit. Das heißt, ich muss Überzeugungsarbeit leisten. In diese Richtung muss man arbeiten und darf sich dabei nicht erschrocken zeigen. Man muss sein Ding durchziehen und Vertrauen in sich selbst haben.

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