Bad Hersfelder Festspiele 2013 mit Lessings „Nathan der Weise“ eröffnet

Ein Mann mitten im Leben

Warten gespannt auf die Ankunft des Tempelherrn: Daja (Annett Kruschke), Nathan (Stephan Schad) und Recha (Charlotte Puder) Fotos: Iko Freese, drama-berlin.de

Bad Hersfeld. Dieser Nathan steht mitten im Leben. Er ist kein weißbärtiger Alter, der vor sich hin philosophiert, sondern ein erfolgreicher, wohlhabender Geschäftsmann, ein liebevoller und besorgter Vater und ein attraktiver Mann, der seine Wirkung auf Frauen – das vermittelt zumindest die Körpersprache von Rechas Gesellschafterin Daja (Annett Kruschke) – nicht verfehlt.

Unbedingt rational

Regisseur Holk Freytag hat die Titelrolle ganz gezielt mit dem 48-jährigen Stephan Schad besetzt, und der zeigt einen kraftvollen, nachdenklichen, unbedingt rationalen Nathan. Von Kultur und Gelehrsamkeit hält er nicht viel, dieser Nathan, dafür umso mehr von Vernunft und Toleranz. Die stellt er sogar über seine persönliche Trauer und Verzweiflung wegen der Ermordung seiner Frau und seiner sieben Söhne durch die Christen.

Dabei ist Stephan Schads Nathan kein kühler, unnahbarer Intellektueller. Er zeigt leidenschaftliche Emotionen, Angst, Betroffenheit, Trauer und Zuneigung und er hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl.

Für seine Überzeugung, dass die drei großen, monotheistischen Religionen Christentum, Judentum und Islam gleichberechtigt, gleich gut oder schlecht, sind, muss Nathan viel Überzeugungsarbeit leisten. Sowohl unter den Christen als auch bei den Moslems ist der Fundamentalismus stark ausgeprägt, werden Andersgläubige als minderwertig betrachtet, gehört ihre Ermordung zum Programm.

Diese Missachtung der Menschen anderen Glaubens, diese Abwertung ihrer Religion, die ist, das arbeitet Freytag aus dem kräftig gekürzten Lessing-Text deutlich heraus, heute so aktuell wie zur Zeit der Kreuzzüge im Mittelalter, in der das Stück spielt. Dabei verlässt Freytag sich auf Lessings starken Text, die Ausstrahlungskraft seiner Darsteller und die Wirkung der Stiftsruine, die durch drei Feuer, und vor allem die Lichttechnik von Ted Meier in Szene gesetzt wird. Mehr Ausstattung ist nicht nötig.

Modern und traditionell

Für die Kostüme haben Freytag und Kostümbildnerin Michaela Barth einen Mix aus modern und traditionell gewählt. Die religiöse Zugehörigkeit wird durch entsprechende Attribute deutlich gemacht.

Vor allem aber wirkt die Inszenierung durch ihre Darsteller: Dirk Glodde zeigt einen ironisch-distanzierten Sultan Saladin, Marie-Therese Futterknecht als seine Schwester Sittah eine fundamentalistische Muslimin. Charlotte Puders Recha ist ein sehr selbstbewusstes, kluges junges Mädchen, ihre Gesellschafterin Daja eine lebenslustige Frau, die sich jedoch trotz aller Zuneigung zu Nathan nicht von ihren religiösen Überzeugungen lösen kann. Stephan Ullrich spielt einen nicht mehr ganz jungen, sehr ernsthaften, wenn auch etwas naiven Tempelherrn. Fabian Baumgarten setzt mit ausdrucksstarker Mimik und Gestik komische Akzente als Klosterbruder. Fast schon als Karikatur eines völlig verbohrten Kirchenfürsten kommt der Patriarch von Jerusalem in der Darstellung von Hans-Christian Seeger daher. Manfred Stella dagegen zeigt einen pragmatischen Derwisch, der versucht, es allen recht zu machen.

Im Zusammenspiel wird daraus eine packende Inszenierung, für die das Premierenpublikum herzlich applaudiert, auch wenn es für die im Text schon alberne Schlussszene einige ungewollte Lacher gibt.

Von Christine Zacharias

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