Bad Hersfelder Festspiele: Michael Schanze begeistert als Milchmann Tevje im Musical „Anatevka“

Ein Mann mit großem Herzen

Auch wenn seine Bibelfestigkeit mitunter in Zweifel gezogen wird, ist der Milchmann Tevje (Michael Schanze, 4. von links) ein Mann, dessen Wort Gewicht hat in Anatevka. Seine Überzeugungen bezieht er aus der Zwiesprache mit Gott. Foto: Iko Freese/drama-berlin.de

Bad Hersfeld. „Am guten Alten woll’n fest wir halten“ heißt es im Feuerspruch des Bad Hersfelder Lullusfestes, denn für viele Menschen ist das Vertraute, das in ihren Augen vielfach Bewährte ein Fundament, auf dem sich die Anforderungen von Alltag und Beruf bewältigen lassen.

Die „Tradition“ halten auch die Einwohner des Dorfes Anatevka hoch. Mit diesem Lied beginnt das Musical, das jetzt als zweite Premiere der Bad Hersfelder Festspiele aufgeführt wurde.

Und gleich hier macht Regisseur Stefan Huber deutlich, dass das Festhalten am Gewohnten und folglich auch die Angst vor Veränderung aktuelle Themen sind: Das Ensemble erscheint zunächst in heutiger Kleidung, um sich dann auf offener Bühne aus mitgebrachten Koffern in die Mitglieder einer jüdischen Gemeinde des frühen 20. Jahrhunderts in der Ukraine zu verwandeln.

Die angekündigte Entstaubung des aus dem Jahre 1964 stammenden Musical-Klassikers gelingt Huber jedoch nicht nur durch diesen Kunstgriff. Seine Inszenierung besticht durch einen steten Wechsel von schwungvollen bis klamaukigen Szenen (wunderbar überdreht ist Tevjes Traum) und ruhigen, zutiefst bewegenden Momenten.

In deren Mittelpunkt steht zumeist Michael Schanze, der den gewitzten Milchmann als tiefgründigen Charakter mit großem Herzen verkörpert. Tevjes Nöte, der ständig mit sich selbst (und dem Herrgott) ringt, um sowohl der Tradition als auch seiner inneren Stimme gerecht zu werden, finden im spätberufenen Schauspieler Schanze einen absolut glaubhaften Interpreten.

Weil Schanze dabei nie überzeichnet, funktionieren auch die Rollen an seiner Seite: Marianne Larsen (Golde), das Töchter-Trio Franziska Lessing (Zeitel), Milica Jovanovic (Hodel), Lea Isabel Schaaf (Chava), Rolf Sommer als schüchterner Schneider Mottel und Rasmus Borkowski als Tabu-Brecher Perchik sind dabei nur Beispiele für ein durchweg überzeugendes Ensemble.

Geradezu genial

Die einfallsreiche Choreografie von Markus Buehlmann und das von Kai Tietje schwungvoll dirigierte Orchester unterstützen Hubers Intention einer behutsamen Modernisierung von Stoff und Spiel.

Dazu trägt auch das geradezu geniale Bühnenbild von Stephan Prattes bei. Was zunächst wie die Gerümpel-Barrikade aus „Les Misérables“ anmutet, wird mit wenigen Handgriffen zu Tevjes Heim, auch die Räume links, rechts und hinter der Mitte werden gut genutzt.

So nimmt die Inszenierung schnell Fahrt auf und hält bis zum Schluss die Spannung, die freilich nicht in ein Happy End mündet: Die Juden von Anatevka werden vertrieben. Alleine ihr Glaube lässt sie nicht gänzlich hoffnungslos in die ungewisse Zukunft blicken, und auch Tevje ruft seiner verstoßenen Tochter ein ansatzweise versöhnliches „Geh mit Gott“ hinterher.

Am Ende der völlig verregneten und zeitweilig unterbrochenen Premierenvorstellung kurzer, aber umso heftiger Beifall des begeisterten Publikums für alle Beteiligten. Für Michael Schanze gibt es frenetischen Jubel und Bravo-Rufe.

Und spätestens in diesem Moment ist klar, dass Hubers „Anatevka“ neben der legendären Festspiel-Inszenierung von 1985 mit Wolfgang Reichmann bestehen kann. Bei aller Tradition also doch ein wenig Veränderung.

Von Karl Schönholtz

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