Festspielporträt: Stephan Ullrich will als Schauspieler zum Nachdenken verführen

Ein Mann mit Anspruch

Stephan Ullrich ist bei den Bad Hersfelder Festspielen gleich in drei Stücken zu sehen. Sein Job sei „anstrengend, aber schön“. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. Ein Mann, drei Rollen: Stephan Ullrich hat bei den Festspielen gut zu tun. Er steht als intellektueller Aufklärer Settembrini in „Der Zauberberg“ auf der Bühne, als Kräuter- und Giftforscher Severin von St. Emmeran in „Der Name der Rose“ und als Hippie Herr Ullrich in „Ewig jung“.

Stephan Ullrich ist aber nicht nur ein Mann mit vielen Gesichtern, sondern vor allem auch ein Mann mit Anspruch, einer der gerne mitredet und mitgestaltet, diskutiert. Auch wenn er als Schauspieler erst einmal eine „Nutte“ sei, die auf Anfragen und Aufträge wartet.

Kreiert hat der 51-Jährige zum Beispiel die Szene in „Ewig jung“, in der er nach der Pause das Publikum ganz charmant mit einem Medley wieder zur Bühne geleitet. Im „Zauberberg“ würde so etwas nicht funktionieren, „da ist die Bühne wie ein Auqarium.“

Ullrichs Stimme ist sanft und tief, der Gang federnd, das lockige Haar fällt ihm in die Stirn, die Hose sitzt wie Hemd, Jacke und Zunge ziemlich locker, er raucht eine selbst gedrehte Zigarette nach der anderen. Doch so lässig Stephan Ullrich auf den ersten Blick daher kommen mag, er nimmt seine Aufgabe und die Welt um sich herum sehr ernst. „Die erste Pflicht eines Schauspielers: Er ist Bürger seines Landes“, so Ullrich. Als Schauspieler habe er einen Auftrag: das Publikum zum Nachdenken zu verführen und zu berühren, egal ob es um den „Zauberberg“ oder um „Anatevka“ geht. „Wir machen ja kein Kaspertheater.“

Schauspielern sei mehr als Textaufsagen, auch eine bloße „Gesichtsmatratze“ will er nicht sein. Er will kritische Fragen stellen und mitdenken. So sei er auch zu seinem Beruf gekommen: „Ich wollte Widerspruchsgeist formulieren.“ Heute seien richtige Schauspieler eine aussterbende Rasse, viele seien wie Angestellte. „Die gehen auf die Bühne und warten, dass ihnen jemand sagt, wo sie sich hinstellen sollen.“

Das soll allerdings keine Kritik an derzeitigen Kollegen sein, betont Ullrich, gerade den jüngeren Teammitgliedern stehe er gern zur Seite. „Der Ensemblegeist ist beim Theater wichtig“, sagt Ullrich. „Keiner steht alleine auf der Bühne, das Ganze macht das Bild aus.“

Viel zu phlegmatisch

Generell seien die meisten Menschen – wie im „Zauberberg“ – einfach viel zu phlegmatisch, ganz anders als etwa in den 60er-Jahren. „Ach, ich rede schon wieder viel zu kämpferisch“, winkt Ullrich irgendwann ab...

Dabei spielt auch Ullrich, der in diesem Jahr 25-jähriges Bühnenjubiläum feiert, nicht nur ernste Rollen und auch nicht nur Theater. So war er unter anderem als Hauptfigur in der ZDF-Serie „Samt und Seide“ zu sehen, in Krimis oder der Comedy-Serie Danny Lowinski.

Seine Leidenschaft ist allerdings das Theater, das wird schnell klar. „Das Publikum gibt einem eine unglaubliche Energie und bestimmt die Rolle mit.“ Es sei immer wieder spannend, nach den Aufführungen mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen. Ein Partygänger ist Ullrich hingegen nicht, Premierenfeiern sind für ihn mehr Pflicht als Vergnügen.

In Bad Hersfeld stand Stephan Ullrich 2011 zum ersten Mal auf der Bühne, Intendant Holk Freytag kennt er seit 1987. Wohin es ihn nach den Festspielen zieht, weiß er noch nicht. Eigentlich würde er gerne mal wieder ein festes Engagement haben und „noch einmal so richtig mit anpacken“. Doch da ginge es den älteren Schauspielern nicht besser als den jüngeren. Diese würden häufig ausgebeutet, dafür seien die Erfahrenen vielen in der mittlerweile von der Ökonomie dominierten Theater-Branche zu teuer.

„Schreiben Sie das mal ruhig richtig groß: Der Ullrich sucht ein Engagement.“

Von Nadine Maaz

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