Festspiel-Uraufführung: Mittelalterdrama bleibt oberflächlich

Die Wanderhure: Ein Mädchen kämpft sich frei

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Gewalt und Demütigung: Nikolaus Kinsky als Jodokus und Andrea Cleven als Marie.

Bad Hersfeld. Das H-Wort ist eine Waffe: Hurerei. Wenn eine Frau sie vorgeworfen bekommt, ist das eine Demütigung, die nicht zu reparieren ist. Hurerei, das ist eine Beschuldigung, gegen die es im Mittelalter keine Verteidigung gibt. Wer hört schon auf ein Mädchen, das seine Unschuld beteuert – wenn demgegenüber Männer triumphierend behaupten, sie hätten ihre Liebesdienste genossen?

So ist der tiefe Fall nicht abzubremsen. Die Kaufmannstochter Marie Schärer (Andrea Cleven) verliert alles: ihren Verlobten, ihren Besitz, ihre Ehre, ihren Vater, ihr Zuhause, ihre Jungfräulichkeit, denn im Kerker wird die Wehrlose heftig geschändet. Die Bürgerfamilie ist Opfer einer Intrige des Adels geworden. Halbtot wird Marie verstoßen, kommt zu Wanderhuren, gewinnt Lebenskraft und kann schließlich mithilfe fortschrittlicher Adliger und des Königs ihre Ehre wiederherstellen.

Bei den Bad Hersfelder Festspielen wurde am Mittwoch die Uraufführung des Mittelalterdramas „Die Wanderhure“ von den 1100 Besuchern der Premiere lang beklatscht. Gerold Theobalt hat die Dramenfassung des Bestsellers von Iny Lorentz geschrieben, Janusz Kica inszeniert. Der Stoff ist beliebt: Die Sat.1-Verfilmung von 2010 war mit knapp zehn Millionen Zuschauern erfolgreichster TV-Film des Jahres.

Der dramaturgische Bogen der tiefstmöglichen Verunglimpfung, des vorsichtigen Neubeginns, der Konsolidierung und des finalen Triumphes ist ohne Überraschungen und höchst übersichtlich aufgespannt. Rollbare Podeste von Marko Japelj verwandeln den Bühnenraum, verstärken die Raumwirkung der Ruine. Für Farbtupfer sorgen die plakativen, opulenten Kostüme von Christine Haller.

Sprachlich wirkt das Stück jedoch, als habe Theobalt stets die allererste Formulierung niedergeschrieben, die ihm eingefallen ist: banal, alltäglich, unausgeformt.

Die Trivialhandlung soll durch die Einbettung in einen politisch-historischen Kontext aufgewertet werden. Das ist löblich und verleiht dem wenig facettenreichen Stoff etwas Substanz. Marie spricht schließlich vor dem König beim Konzil zu Konstanz 1415. Dort ging es um die Neuordnung der Machtverhältnisse zwischen Klerus, Adel und dem neuen politischen Anspruchsteller Bürgertum. Diese Hintergründe werden aber viel zu wenig theatral umgesetzt, sondern in einer Art aufgesagtem Wikipedia-Artikel über die Rampe gebracht.

Eindimensionale Figuren

So haben auch die Schauspieler kaum eine Chance, ihre eindimensionalen Figuren lebendig werden zu lassen. Am meisten Möglichkeiten hat noch Julian Weigend, der den Intriganten Ruppertus Splendidus von Keilburg als schleimigen Fiesling anlegt, der in aller Unverfrorenheit ein Schwächling bleibt.

Andrea Cleven (bekannt als Mädchen aus der Rose) meistert die schwierigen Parts, wo Marie sexuell erniedrigt wird, mit Würde und Bühnenpräsenz. Auch die Gewalt- und Nacktszenen sind bei aller kalkulierten Derbheit nicht zu plakativ aufgemotzt. Betulich geht es bei den Wanderhuren zu, diese freie Frauengruppe wird als romantisierte Kuscheltruppe zwischen kriegerischen Amazonen und Kaffeekränzchen gezeigt. Aus dem harmonischen Ensemble ist noch Oda Pretzschner als Mechthild von Arnstein zu nennen, die den Gedanken eines freien Bewusstseins mitreißend Gestalt gibt.

Und wenn am Ende der Kardinal (Nikolaus Kinsky) Marie wieder „in den Stand der Unschuld“ versetzt, brandet im Parkett Gelächter auf. Hier wird es unfreiwillig komisch. Wieder am 29.6, 5., 7.7., Kartentelefon: 06621/640200.

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