Montagsinterview mit Rainer Nemnich, dem Geschäftsführer der Kreisverkehrswacht

Lotse im Verkehrsgewühl

Der Lotse am Lenker: Rainer Nemnich hat seit 46 Jahren den Führerschein und noch keinen einzigen Punkt in Flensburg. Der bald 65-jährige Lispenhäuser setzt sich seit über 50 Jahren für die Verkehrssicherheit ein. Foto: Struthoff

Lispenhausen. Schon als 13-Jähriger lotste er seine Mitschüler sicher über die Straße. Heute, über 50 Jahre später, wacht Rainer Nemnich immer noch über den Verkehr. Seit 36 Jahren ist der Lispenhäuser geschäftsführend für die Kreisverkehrswacht Hersfeld-Rotenburg tätig. Am 26. November wird er 65 Jahre alt. Deshalb sprach Kai A. Struthoff mit ihm über sein Leben für den Straßenverkehr.

Herr Nemnich, hat so ein Verkehrsengel wie Sie eigentlich schon mal ein Strafmandat bekommen?

Rainer Nemnich: Ich habe noch nie einen Punkt in Flensburg bekommen. Das ist nach 46 Jahren hinterm Steuer schon eine Leistung. Aber natürlich habe ich auch schon mal für zu schnelles Fahren eine Strafe bezahlt - aber nie sehr viel!

Sie hatten 1973 einen schweren Verkehrsunfall. War das der Auslöser für Ihr Engagement für die Verkehrswacht?

Nemnich: Selbstverständlich. Ich war damals dienstlich unterwegs in Melsungen. Ich musste dort halten, um einen Wagen vorbeizulassen. Da rumste es. Ein Lkw-Fahrer hatte mich übersehen, weil er am Steuer Zeitung gelesen hatte, und war von hinten voll aufgefahren. Ich war eingeklemmt und hatte Todesangst. Daraus resultierte ein jahrelanges Trauma und eine Berufsunfähigkeit.

Und so kamen Sie zur Verkehrswacht?

Nemnich: Mein Vater war damals Kreisvorsitzender und meine Mutter die Seele des Vereins. Ich hatte damals auch immer schon bei der Arbeit geholfen. Als mein Vater eine Kehlkopfoperation hatte, habe ich binnen kürzester Zeit seine Aufgaben übernommen und mir autodidaktisch selbst alles beigebracht. Mein Bestreben war es immer, andere Verkehrsteilnehmer vor gleichem Schicksal zu bewahren.

Inzwischen sind die Autos sicherer und die Ausbildung der Fahrschüler besser geworden. Die Unfallzahlen sinken. Ist die Arbeit der Verkehrswacht überhaupt noch nötig?

Nemnich: Allerdings! Wir müssen weiter vor allem am Puls der Fahranfänger bleiben, die immer noch in zu viele Unfälle verwickelt sind. Diese jungen Fahrer sensibilisieren und schulen wir beispielsweise in unserem Überschlags- und Motorradsimulator. Aber wir kümmern uns natürlich auch um sichere Schulwege für Schulanfänger. Wir wollen doch, dass alle sicher nach Hause kommen.

Sie haben auch die Kampagne „Eile tötet“ initiiert. Bringen diese Schilder wirklich was, oder sind das nicht nur weitere Pfähle im Schilderwald?

Nemnich: An den Stellen, wo diese Schilder seit 2002 stehen, ist nie wieder ein schwerer Verkehrsunfall passiert.

Die Verkehrswacht zeichnet regelmäßig unfallfreie Autofahrer aus. Allerdings können die sich selbst dafür vorschlagen. Wie sinnvoll ist so eine „Selbst-Auszeichnung“?

Nemnich: Eine solche Auszeichnung kann beispielsweise sehr hilfreich sein, wenn man später doch einmal in einen Unfall verwickelt wird und ein bisher lupenreines Fahrverhalten nachweisen kann. Wir erheben dafür eine kleine Bearbeitungsgebühr, um unsere Kosten für Anstecknadel, Ausweise und Urkunden zu decken. Denn wir bekommen gegenüber früheren Zeiten kaum noch nennenswerte finanzielle Unterstützung vom Landkreis und finanzieren uns ausschließlich durch Spenden und gerichtlich zugewiesene Geldbußen.

Gab es denn früher mehr Geld vom Landkreis?

Nemnich: Verkehrssicherheit ist primär eine hoheitliche Aufgabe. Wenn eine gemeinnützige Organisation diese Aufgabe im Sinne des Landkreises übernimmt, so sollte sie dafür auch eine angemessene Entschädigung erhalten. Die früheren Landräte haben uns deshalb immer unterstützt, vor allem auch finanziell. Damals bekamen wir 10 000 Mark pro Jahr, heute noch 1200 Euro. Das ist besser als gar nichts. Immerhin dürfen wir jetzt die ehemalige Hausmeisterwohnung an der Brüder-Grimm-Schule zu günstigen Konditionen nutzen, was sehr von Vorteil ist.

Gehen Sie an Ihrem 65. Geburtstag als Verkehrswächter in den Ruhestand oder behalten Sie das Lenkrad in der Hand?

Nemnich: Natürlich bleibe ich weiter aktiv. Ich bekommen viel zurück für meine Arbeit und bin sehr dankbar für die vielen Auszeichnungen und Ehrungen durch die Landesverkehrswacht und die Bundesverkehrswacht. Ich habe allerdings noch nie eine Ehrung von einer Kommune oder dem Landkreis erhalten. Aber wer an einer guten Sache arbeitet, darf auf eine Ehrung nicht spekulieren. Das müssen die zuständigen Behörden in eigener Regie erkennen.

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