HZ-Montagsinterview mit Joachim Sust, Ex-Betriebsratsvorsitzender von Lomo

„Lomo war ja nicht Opel“

Bad Hersfeld. Mit 422 Beschäftigten und drei Geschäftsführern zog die Mineralöl- und Treibstoffgroßhandlung Lomo Lorenz Mohr GmbH & Co KG am 25. Juli 2008 in die Insolvenz. Nach und nach übertrug Insolvenzverwalter Kai Dellit aus Erfurt Betriebszweige und Teile der früheren Belegschaften an neue Eigentümer oder die Lomo-Nachfolgegesellschaft DSH des Kommanditisten Dr. Herbert Sauerwein. Darüber, was mit seinen Kollegen geschehen ist, sprach HZ-Redakteur Kurt Hornickel mit Joachim Sust (56), dem ehemaligen Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrats.

Herr Sust, wie kam es, dass ein traditionsreiches Unternehmen, dessen Name seit 1892 mit unserer Stadt verbunden war, so kläglich scheiterte?

Joachim Sust: Die Frage haben nicht nur Sie, Herr Hornickel, sondern viele andere auch gestellt. Ich sehe die Gründe im Missmanagement der Geschäftsführung. Man hat großzügige Autohöfe gebaut, die die Welt nicht mehr brauchte. Dazu hatte Lomo immer schon Probleme, sich am Markt zu behaupten. Das betraf nicht zuletzt die Lomo-Karte.

Die Geschäftsführung zeigt bei dieser Frage gewöhnlich auf die Investment-Bänker von Goldmann Sachs. Wie sehen Sie das?

Sust: Das internationale Investment Banking-Haus aus den USA, das hat im wahrsten Sinne des Wortes den Hahn zugedreht. Es gab keine Kohle mehr. Und die Geschäftsführung trat den Gang zum Insolvenzgericht an.

Nach außen wirkte die Firma aber doch immer sehr gediegen.

Sust: Dennoch hing Lomo immer am Tropf und suchte nach neuen Geldquellen. Das lag sicher auch an der Kundenstruktur. Statt sich intern jahrelang mit den Mitarbeitern um den Anerkennungs-Tarifvertrag zu streiten, hätten sich die Chefs lieber ums Geschäft kümmern sollen.

Insolvenzverwalter Kai Dellit meldet seit der Eröffnung des Konkurses ständig neue Verkäufe. Wie sind Sie als Betriebsrat mit der Insolvenzverwaltung zufrieden?

Sust: Der Fairness halber muss man sagen, dass sich der Herr Dellit darum bemüht hat, das ganze Unternehmen an den Mann zu bringen. Das ist ihm leider nicht gelungen. So blieb ihm nur die Aufspaltung der Firma, um alle Autohöfe verkaufen zu können.

Wurden die Interessen der Gläubiger vor den Erhalt von Arbeitsplätzen gesetzt?

Sust: Das kann ich nicht behaupten. Kai Dellit hat immer auch das Schicksal der Mitarbeiter im Blick gehabt. Ein Insolvenzverwalter wird immer daran gemessen, wie viele Arbeitsplätze er erhalten hat. Und das ist für ihn selbst auch die beste Werbung.

Sie hatten ja mehr als 420 Kollegen. Was ist aus denen geworden?

Sust: 49 sind leider nicht vermittelt worden und mussten in die Transfer-Gesellschaft „Weitblick“ wechseln. Wir haben einen Interessenausgleich und einen Sozialplan ausgehandelt, auf den wir zu Recht stolz sind. Für ein Jahr bekommen alle Kollegen 90 Prozent ihres Nettogehalts sowie anteilig Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Wir wurden großzügig unterstützt von Rechtsanwalt Frank Jansen aus Bad Hersfeld. Er stand uns schon vor der Insolvenz Tag und Nacht zur Verfügung.

Hauptziel der Transfer-Gesellschaft soll jedoch die Rückkehr ins Arbeitsleben sein. Wie hat das geklappt?

Sust: Die Gesellschaft baut die Mitarbeiter von Lomo auf, die bis zur letzten Minute zur Lomo gestanden haben und dann in ein Loch gefallen sind. Zudem hat es noch einige Vermittlungen gegeben. „Weitblick“ leistet für uns gute Arbeit.

Angesichts der momentanen Lage ist es sicher nicht einfach, einen neuen und womöglich gleichwertigen Arbeitsplatz zu finden?

Sust: Es gibt auch noch die Möglichkeit, sich einen anderen Beruf zu suchen und etwas Neues zu beginnen. Auch dafür ist über den Interessenausgleich Geld bereitgestellt worden. Außerdem kann man dabei auch noch auf eine Förderung aus dem europäischen Sozialfonds zurückgreifen.

Das klingt so, als wären Sie und ihre Kollegen momentan sozial noch vergleichsweise warm eingepackt?

Sust: Durch den Sozialplan und den Interessenausgleich sind wir für ein Jahr ziemlich weich gefallen, aber was jeder Einzelne dann daraus macht, bleibt ihm selbst überlassen.

Wie beurteilen Sie die Chancen des kleinen Lomo-Nachfolgers DSH?

Sust: Da fällt mir die Antwort schwer. Unser Chef, der Dr. Herbert Sauerwein, hat den Namen Lomo gerettet. Aber die Tankstellen, die er erworben hat, sind ziemlich kleine Stationen. Deren Überlebenschancen vermag ich nicht zu beurteilen.

Tanken Sie persönlich noch bei Lomo?

Sust: Nein.

In Ihrer Not hatten Sie sich ja auch an die Politik gewandt. Das reichte vom Bürgermeister über den Landrat bis zu Hessens DGB-Chef Stefan Körzell. Was hat das gebracht?.

Sust: Das hat alles nichts genutzt. Die Politik konnte nicht viel bewegen. Geld ist keines da in der Politik. Und schließlich war Lomo ja nicht Opel. Deswegen kam unsere Insolvenz nicht so dicke rüber. Stefan Körzell hat sich für den Erhalt der Arbeitsplätze ausgesprochen und fragt heute noch, wie es den Leuten ergangen ist. Wir als Betriebsrat wollten alle Hebel in Bewegung setzen, um die Arbeitsplätze zu retten. Wir und unsere Berater haben das Optimale in der Insolvenz erreicht. Mehr war nicht drin. Natürlich hätten wir auch gerne die restlichen 49 in Arbeit vermittelt.

Mit welchen Gedanken blicken Sie persönlich ins kommende Jahr?

Sust: Ich persönlich werde mich beruflich umorientieren und habe dazu auch meine Fühler ausgestreckt. Meinen Kolleginnen und Kollegen wünsche ich, dass sie im heimischen Raum wieder eine Arbeit finden. Ich kann nur jedem Arbeitgeber sagen: Wer einen früheren Mitarbeiter von Lomo nimmt, hat einen guten Fang gemacht.

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